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Ausbruch

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Von: Lisa Berins

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Freddy Mercury als Vorbild – hier in Montreux am Genfer See, wo seine Statue in typischer Pose steht.
Freddy Mercury als Vorbild – hier in Montreux am Genfer See, wo seine Statue in typischer Pose steht. © Christian Merz/dpa

Wie können wir ein Gefühl der Befreiung erleben? Eine kleine Anleitung.

Freiheit ist eine Sehnsucht. „I want to break free“, singt Freddie Mercury, während er im Musikvideo als aufgebrezelte Hausfrau den Teppich saugt. Ja, ausbrechen, sich von den Zwängen und Gewohnheiten befreien, die einen einengen, festhalten, begrenzen – jetzt, im neuen Jahr, gäbe es die Gelegenheit dazu. Der Philosoph Christoph Menke hat in einem Interview eine Art Anleitung zur Befreiung gegeben. Erstens: Wir müssen Erfahrungen machen, die sprengen, was wir erwartet haben.

Und wenn wir nicht darauf warten wollen, bis so etwas irgendwann eventuell passiert, sollten wir das selbst in die Hand nehmen: Wir müssen irgendwo dieses kleine Schlupfloch finden und kurz aus dem Leben, dem Alltag, aus unseren eigenen Gewohnheiten aussteigen. Wir müssen uns selbst überraschen.

Wir könnten … morgens einen Radiosender aus einem anderen Teil der Welt hören, einen neuen Weg zur Arbeit nehmen. Eine wildfremde Person ansprechen, in der Mittagspause eine unbekannte Gegend erkunden, das exotischste Gericht auf der Speisekarte bestellen, im Supermarktregal neben das eigentlich gewollte Produkt greifen, rückwärts laufen, einen Handstand machen, anfangen, laut zu singen, darum würfeln, was auf der Arbeit als Nächstes abgehakt wird – oder einfach mal: Dinge erst gar nicht tun, die man sonst tun würde. Mal nicht zurückgrüßen, mal nicht die To-do-Liste abhaken, sich mal keine Sorgen um alles Mögliche machen, im Fall von Freddie Mercury: den Staubsauger beiseitelegen und sich inmitten von Staub und ungewaschener Wäsche auf die Couch fläzen, die Pumps hochlegen, es sich gut gehen lassen.

Schon sind wir mit Minimalaufwand ausgebrochen. Das ist schon ein ganz gutes Gefühl. Aber: Für unsere Befreiung fehlt noch etwas. Denn bisher haben wir laut Menke nur „Zwischenräume“ geschaffen. In diesen Zwischenräumen muss nun, damit die Erfahrung der Befreiung eintritt, noch etwas anderes passieren.

Zweitens: Wir müssen etwas Faszinierendem begegnen. Als Beispiel nennt Menke den Chemielehrer Walter White, der in der Serie „Breaking Bad“ etwas im Fernsehen entdeckt, das vorher für ihn keinen Zusammenhang hatte – und das ihn aus seinem Leben sprengt: Er wird Crystal-Meth-Dealer. Er erlebt einen „Faszinationspunkt, mit dem sich alles öffnet“. Es ist der Moment, in dem wir neu anfangen könnten. (Heißt nicht, dass wir Drogenköch:innen werden müssen.)

Je öfter wir also Zwischenräume öffnen, indem wir Konventionen brechen, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass wir dort etwas Faszinierendem begegnen. An dieser Stelle könnte man mit dem Ausbruch beginnen und diesen Satz einfach nicht

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