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Goethe war überall. Naja, fast.

Times mager

Aura

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Hotelzimmer haben nicht nur Nummern, sondern manchmal auch Namen. Aber bedeutet "Goethezimmer", dass darin auch Goethe geschlafen haben muss?

Es gibt Hotels, deren Besitzer nicht nur Zimmernummern, sondern auch Zimmernamen verteilen. Zur Auflockerung, vielleicht auch als diskrete Hilfestellung für Personen, die sich selbst zweistellige Zahlen nicht merken können. Solche Personen sind unter uns. Es ist für sie keine Kleinigkeit, eine Telefonnummer zu wählen, glauben Sie mir.

Das „Blütenstaubzimmer“ wirkte zwischen anderen floralen Namen gleichwohl wie ein Missgriff. Das „Bürgermeister Petersen Zimmer“ wahrte sein Geheimnis, dessen Lüftung beim Gast allerdings auch keine Priorität besaß. Das „Blaue Zimmer“ hingegen, eine bis zum Seifenschälchen durchgezogene Geschäftsidee, genoss vom ersten Tag an derartige Zuneigung, dass die Besucher beim nächsten Aufenthalt geradezu penetrant darauf bestanden und das benachbarte, identische, bloß eben „Rote Zimmer“ schroff ablehnten.

Wilde Träume verfolgen uns

Ein wenig unruhig verlief indes die Nacht in der ehemaligen niederländischen Festung im Zimmer „Piekenier Willem“. „Een piekenier is een soldaat die vocht met een piek“, erläutert wikipedia.nl – das sind die Augenblicke, in denen man den Schwierigkeitsgrad beim Erlernen des Niederländischen viel zu niedrig ansetzen würde –, aber wer weiß, wie gut Willem darin war und was aus ihm wurde. Wilde Träume verfolgten die Reisenden. Anders als im „Bürgermeister Petersen Zimmer“, dessen Aura sich dem nicht mit intimen Ortskenntnissen versehenen Gast kaum erschließt, randalierten hier vorm Fenster katholische Eindringlinge, während Willem noch seine verdammte Piek suchte. Beruhigend war die Anwesenheit des Ikea-Zweisitzers „Hagalund“, bedrückend die Beobachtung, wie perfekt das Hotelpersonal das darunter befindliche Ausziehbett zusammengebaut hatte, was unsereinem nie hatte gelingen wollen. So finden sich Themen für jede schlaflose Nacht.

Wie viel niveauvoller hätten sie im „Goethezimmer“ in Rudolstadt ausfallen können. Allein, erst am nächsten Morgen zeigte sich beim Bezahlen auf die müßige Nachfrage, dass wohl kaum Goethe selbst in ausgerechnet diesem Zimmer geschlafen habe: Genau so sei es aber gewesen. Um es zu begreifen, hätte man bloß das Alter des Hotels mit der Lage Rudolstadts und seinem einstigen Bewohner (Schiller) kombinieren müssen. Eins und eins zusammenzuzählen, selbst das ist oft zu schwierig. Vielleicht aber wäre der Druck auch zu groß gewesen. Der nächtliche Goethe, er war für Normalsterbliche immer schon unheimlich, während das Geburtstagskind die reinste Spätsommerfreude ist. Heute zum 265. Male.

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