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Von: Christian Thomas

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Für die Rebellion in der alten Götterwelt war der aufrechte Gang des Menschen eine Conditio sine qua non.
Für die Rebellion in der alten Götterwelt war der aufrechte Gang des Menschen eine Conditio sine qua non. © imago

Was Prometheus, die '68er und der aufrechte Gang miteinander zu tun haben.

Man darf nicht vergessen, dass der Mai 68 nicht nur deswegen zustande kam, weil Prometheus die Menschen rebellisch gemacht hatte. Der Mai 68 auf dem Olymp, von dem der jahrzehntelange Mythenforscher (und jahrelange Kommunist) Jean-Pierre Vernant erzählt, erschütterte die Götterwelt nicht nur, weil Prometheus den Menschen gegen die Götter aufgebracht hatte, sondern weil er unter den Menschen den aufrechten Gang eingeführt hatte. Für die Rebellion in der alten Götterwelt war das eine Conditio sine qua non: eine unerlässliche Voraussetzung – etwas, ohne das etwas anderes an jedem Mai 68, seitdem, nicht eintreten konnte.

Prometheus trat als Menschenbildner in Erscheinung, nachdem er bereits die Tiere angefertigt hatte. Er schuf den Menschen nach dem Ebenbild der Götter, und im Unterschied zu den Tieren wurde der Mensch angehalten, sich über die Erde zu erheben. Was da mit ihm geschah, ging dem sich Aufrichtenden wohl erst langsam auf, schleppend, stockend. Dennoch, ein erster Schritt, um sich am Himmel – und nicht nur an der Erde schnüffelnd – zu orientieren, war gemacht. Dieser kleine, beflügelnde Schritt für den Menschen wurde zu einem großen Schritt für die Menschwerdung (und zu einem geflügelten Wort).

Im Rückblick mag dem Menschen diese Entwicklung, für die er längere Zeit brauchte, quick erscheinen. Zumal der Mensch, einmal lebendig, sich sehr selbstständig zeigte. Als ein gegenüber den Göttern recht autonomes Wesen. Nicht nur als Handwerker nahm er die Dinge absolut in die Hand, wie die ganz alten Quellen erzählen. Sie sagen, dass Prometheus nicht bloß deswegen ein Kreativer war, weil er den Menschen schuf, sondern ihm auch verschiedene Kulturtechniken vermittelte, um sich in der von extrem launischen Göttern beherrschten Welt behaupten zu können. Prometheus, der Kreative und Kulturstifter – naheliegend, dass es dazu immer wieder neue Geschichten gegeben hat, Lesarten bis heute. Als Menschenbildner soll Prometheus mit Ton modelliert haben, nach Bildern von Lebewesen aus Ton. Er soll – auch da gibt es unterschiedliche Darstellungen.

Auch heißt es, er habe Menschen aus Erde und Tränen geschaffen, wie wiederum eine andere Quelle sagt. Was soll man glauben? Einige alte Legenden sagen dies, andere sagen das. Es wird überhaupt sehr viel an Geschichten jenseits aller Empirie in die Welt gesetzt. Weil es sich um ausgesprochen präfaktische Legenden eines großen Mythos handelt, ist jede auf ihre Weise wahr, eine neben der anderen, vollkommen gleichberechtigt. Der Mythos weiß, was für ihn spricht. 

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