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Die zotteligen Siebziger.

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Auffallen

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Wer fällt schon gerne auf? Und wer fällt schon gerne auf Tricks rein? Eine kleine statistische Erhebung.

Aus gegebenem Anlass kam es zu einer Google-Recherche, betreffend die Frage „Wer fällt schon gern auf?“. Die Ergebnisse lassen zwingende empirische Befunde zu, die selbst vor den Augen der unvergleichlichen Kollegin N., die sich neben so vielem anderen sogar zunehmend mit Statistiken auskennt, garantiert Bestand haben werden.

Bei dem gegebenen Anlass handelt es sich übrigens um einen Satz aus einem auffallend guten Buch, nämlich dem vierten von vier autobiografischen Romanen des Schauspielers Joachim Meyerhoff. Der Satz, gesprochen im Jahr 1978, stammt von Meyerhoffs Großmutter, falls er nicht von Meyerhoff stammt, das weiß man bei diesem Buch nie ganz genau. Er ist jedenfalls der Großmutter zugeschrieben und bezieht sich kritisch auf Joachims großen Bruder, der sich die Haare hatte wachsen lassen. Zitat: „Junge, es wird von Tag zu Tag unmöglicher, dich zu übersehen!“

Nicht überliefert ist, ob der große Bruder diese Äußerung als Bestätigung oder als Demütigung erfahren hat. Möglich wäre ja beides. Langhaarigkeit, das war damals noch nicht das uniforme Erkennungszeichen aufstrebender Mitglieder des digitalen Managements, sondern immer noch der Versuch, als widerständiger Abweichler von den Regeln der Frisurenkonformität aufzufallen, also nicht übersehen zu werden.

Die großmütterliche Bemerkung über die Unmöglichkeit, den Jungen zu übersehen, wäre also die erwünschte Bestätigung dafür gewesen, dass der Plan, aufzufallen, aufgegangen war. Einerseits.

Andererseits drückt der Satz auch aus, dass die Großmutter ihren Enkel eigentlich ganz gern übersehen würde, ohne sich dabei anzustrengen, und das wäre für den großen Bruder umso demütigender gewesen, als die Großmutter in Meyerhoffs Büchern als auf sympathischste Weise durchgeknallte und in jeder Hinsicht auffallende Persönlichkeit erscheint.

Empirisch lässt sich sagen, dass Joachim Meyerhoffs großer Bruder, sollte er immer noch auffallen wollen, damit keineswegs alleine dasteht. Zum Thema „Wer fällt schon gern auf?“ ergibt nämlich die übliche Versuchsanordnung (Zitat eingeben, die ersten vier Treffer auf der ersten Seite der Google-Ergebnisse abschreiben) einen eindeutigen Befund.

Treffer 1 lautet eindeutig „Wer fällt schon gern auf?“, die Plätze 2 bis 4 werden belegt von „Wer fällt schon gern auf Abzocker herein?“, „Wer fällt schon gern auf Tricks herein?“ und „Wer fällt schon gern auf den gleichen Betrug zweimal rein?“. Ergebnis: Eine Mehrheit von 75 Prozent aller Deutschen oder eventuell aller Menschen werden lieber nicht betrogen als nicht aufzufallen. Es wird von Tag zu Tag unmöglicher, das zu übersehen.

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