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Aus bunten Fäden kann eine komplizierte Ringelsocke werden. 

Times mager

Auffällig beim Pendeln

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Heute in der S-Bahn: Kompliziertes Sockenstricken, komplexes Computerproblemerklären, unaufhörliches Kindzusammenschimpfen.

Wieder schwer was los im ferienmäßig aufgelockerten Pendlerzug. Drei Personen in Freizeitkleidung erregen Aufsehen. Die anderen wissen nicht, wo sie zuerst hinschauen sollen. Rücksichtsvollerweise überlappt sich die Anwesenheit der drei nur zwischen F. und S. vollständig.

Hier strickt nämlich eine Frau eine komplizierte Ringelsocke. Zum Teil sind die Ringel kariert, zum Teil diagonal gestreift. Vier Nadeln sind im Spiel, die irre flink gegriffen, benutzt und wieder weggeschoben werden. Der Vorgang erinnert zum Beispiel an jene Frau, die stets zwei Kartoffeln auf einmal schälte.

Da drüben aber versucht ein Mann am Telefon zu erklären, wie Bernd ein Computerprogramm wieder in Gang setzen könnte. Die Sache gestaltet sich schwierig, nicht wegen des Problems, sondern wegen der unzulänglichen Auffassungsgabe am anderen Ende der Leitung. „Leitung“ dazu zu sagen, ja, das dürfte ungefähr das Niveau zu sein, auf dem Bernd über moderne Technik nachdenkt. Der Mann schreit aber nicht herum, sondern wird immer ruhiger. Das ist bewundernswürdig, weil er gerade schon wieder von vorne anfangen muss (die Mitreisenden wissen jetzt jedenfalls, wie Google Chrome aktualisiert wird, dem Mann wäre es lieb, wenn der Bernd endlich die Biggi dazuholen würde). Biggi, lange nicht gehört. Den in ihm entstehenden Druck gleicht der Mann aus, indem er so lange am Freundschaftsarmbändchen herumrupft, bis es reißt (dass das möglich ist!). Verlegen steckt der Mann das Teil in die Hosentasche.

Außerdem ist dort noch die junge Mutter, die nicht aufhören kann, mit ihrem Kind zu schimpfen, weil es nicht richtig sitzt, trinkt, isst, weil es Sachen anfasst, Sachen fallen lässt und so weiter. Die Mutter ist erschöpft, das Kind ist erschöpft.

Es gibt also drei auffällige Personen, umgeben von Leuten, die unauffällig versuchen, alles mitzubekommen: die Strickende vor allem anzustarren, dem Erklärenden vor allem zuzuhören, die Schimpfende weder anzustarren noch ihr zuzuhören, aber beides, ohne das Geringste zu verpassen. Insgesamt liegt wieder eine jener Lagen vor, die Marsianern etwas über die Komplexität und Simplizität, die Überforderung und die mehr oder weniger erfolgreichen Problemlösetrategien von Erdlingen vermitteln könnten.

Denn kurz vor H. begreift man endlich noch, dass die Wolle der Strickenden aus einem einzigen Knäuel stammt. Ein Faden für je eine Socke, der extrem abgefeimt das Muster durch entsprechend eingefärbte Stücke imitiert. Der glühende Wunsch, jetzt sofort auch eine solche Socke zu stricken, vergeht aber schon im Laufe des Vormittags wieder. Ist trotzdem nämlich viel zu schwierig.

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