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Im Floskel-Wald ist vor lauter Drahteseln kein Fahrrad mehr zu finden.

Times mager

Auferstehung

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Wo der Drahtesel fröhliche Urständ feiert, sind Hopfen und Malz verloren.

Wenn die Metaphern wiederkommen, merkt der Mensch, dass er alt wird. Erst jüngst, als der Ältere das Floskelwesen rügte, fragte eine Jüngere, was an „Auf Schusters Rappen“ denn, bitte schön, so furchtbar sei und ob das auch für „Drahtesel“ und „per pedes“ gelte.

Der Metaphern-Methusalem gab resigniert zurück: Vor 30 Jahren habe man sich in der Redaktion auf ein Verbot sämtlicher Floskeln dieser Art verständigt, weil vor lauter Drahteseln in der ganzen Zeitung kein Fahrrad mehr aufzufinden gewesen sei.

Verboten habe man sich übrigens seinerzeit auch alle Überschriften, die an den Titel des Theaterstücks „Der Müll, die Stadt und der Tod“ erinnerten, denn der ewige Dreiklang („Der Minister, die Macht und der Idiot“, „Die Müllabfuhr, der Stadtrat und sein täglich Brot“, „Das Milieu, das Stadttheater und die Geldnot“ etc.) habe in einer Weise überhandgenommen, die zu einer furchterregenden Monotonie quer durch alle Ressorts geführt habe, aber das nur nebenbei, betonte der Methusalem.

Die Jüngere gab frech zu bedenken, vor 30 Jahren habe auch noch kein Mensch „Flieger“ gesagt, was der Ältere mit der auf den ersten Blick klugen Bemerkung konterte, er sehne sich genau deshalb nach dem schönen Wort „Flugzeug“ zurück. Das Argument erwies sich allerdings sofort als Bumerang, denn die Jüngere konterte: „Warum dann nicht auch nach dem Drahtesel?“

Der Methusalem, vernichtend geschlagen, gestand seine Niederlage ein: „Dann möge der Drahtesel von mir aus fröhliche Urständ feiern.“ Darauf die Jüngere, entgeistert: „Was, bitte, soll der Drahtesel feiern?“

„Fröhliche Urständ!“, wiederholte der Alte, nun fast schreiend. Die junge Dame habe doch die alten Floskeln wiederhaben wollen, und nun sei es auch wieder nicht recht. Die Jüngere: „Aber was ist das, fröhliche Urständ?“

Ja, das wusste der Ältere nun auch nicht so genau. Es bedeute, dass etwas vermeintlich Verschwundenes irgendwie wiederkehre, stammelte er, aber der Ursprung der Urständ sei ihm, zugegeben, nicht bekannt.

Wikipedia half: „Urständ (von Althochdeutsch urstenti ,Auferstehung‘) (...) findet sich zumeist in journalistischen Texten. Nach Ansicht von Wolf Schneider und Paul-Josef Raue (Handbuch des Journalismus) ist es eine ,Floskel, die die meisten Leser noch nie verstanden haben‘.“ Sie „wird von heutigen Sprechern oft als Plural empfunden, ist aber ein femininer Singular“.

Wikipedia fügte noch an, das heiße nicht, wie gelegentlich vermutet, dass das Wort „Ostern“ von „Urständ“ abstamme. Die junge Kollegin rief ohne Respekt vor dem Alter: „Ich wünsche Dir eine fröhliche Urständ.“

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