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Ein New Yorker Taxi ist ca. 6199 km von Frankfurt entfernt. Trotzdem sieht man von hier den Mond und nicht die Fifth Avenue.

Times mager

Arroganz

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Ein Taxifahrer, der den Mond im Blick hat, die Thermodynamik und die Shakespeare-Lektüre.

„Es gibt keine Zustandsänderung, deren einziges Ergebnis die Übertragung von Wärme von einem Körper niederer auf einen Körper höherer Temperatur ist.“ Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik

Und wieder ärgerte sich der Taxifahrer über das schlechte Bildungsniveau der Abiturientinnen und Abiturienten. Er ärgerte sich zwar lediglich über das schlechte Bildungsniveau der Abiturienten, und zwar der von heute. Aber die Abiturientin von einst fühlte sich angesprochen, zumal sie selbst die Musikhausaufgaben ihrer jungen Verwandten nicht mehr wirklich und schon gar nicht ohne Quintenzirkel lösen kann. Könnte. Selbstverständlich löst die junge Verwandte ihre Musikhausaufgaben selbst.

Der Taxifahrer hatte auch ein Beispiel parat. Im Radio waren Leute gefragt worden, was weiter weg sei, der Mond oder New York. Nun ist der Unterschied groß (Mond, von der Erde aus: im Schnitt 384 400 km, New York, von Frankfurt aus: 6199 km). Aber wenn man so plötzlich mit einer solchen Frage konfrontiert ist, dann kann man auf dumme Gedanken kommen und Dinge sagen wie: New York sei weiter weg, denn – so zitierte der Taxifahrer nun mit größtmöglicher Verachtung – der Mond sei ja von hier aus zu sehen.

Die Mitfahrende war nicht traurig darüber, die Frage selbst nicht ad hoc beantworten zu müssen. Lieber dachte sie daran, dass Benedict Cumberbatchs Sherlock nicht einmal wusste, dass die Erde um die Sonne kreist. Außerdem ist sie traumatisiert, weil das die Fragen waren, mit denen Onkel H. früher die Kinder in Verlegenheit brachte (heute muss man sagen: Hätte man, oh, hätte man Onkel H. doch besser zugehört). Ferner traute sie sich aus Angst vor einem Bumerangeffekt nicht, bei der Gelegenheit nach dem Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik zu fragen.

Aber wieso das denn jetzt? Weil Siri Hustvedt am Anfang ihres neuen Essaybandes „Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“ auf das Thema Geistes- versus Naturwissenschaftler eingeht. Sie zitiert einen englischen Physiker (und Schriftsteller), den die Borniertheit „literarischer Intellektueller“ zuweilen so reizte, dass er sie gerne gebeten hätte, den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik zu beschreiben. Die Frage danach, so der Physiker, sei gleichwertig mit der Frage: „Haben Sie ein Werk von Shakespeare gelesen?“ Damit will er offenbar sagen: weit unterhalb des Niveaus, auf dem man überhaupt ins Gespräch kommen kann.

Aufmerksamen Menschen entgeht nicht, dass es an dieser Stelle nichts nutzt, ausrufen zu können: Gewiss, ich habe ganz viele Werke von Shakespeare gelesen.

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