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Bettina von Arnim beschämte in sozialen Fragen ihre Jahrhunderthälfte mit einem glasklaren Sinn für Gerechtigkeit.

Times mager

B. von Arnim

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Von der Tendenz, Frauen, auch wenn sie berühmt sind, nur beim Vornamen zu nennen. Aber Nachnamen heben auch nicht unbedingt das Niveau.

Vor zehn Jahren war im Frankfurter Goethe-Haus eine Bettina-Ausstellung zu sehen, und während es einem noch auf die Nerven geht, dass man selbst sofort wieder auf sie hereinfällt und sie ohne Abstand beim Vornamen nennt, während man aber ebenso an die allgemein verbreitete und ärgerliche Konvention denkt, berühmte Frauen eh beim Vornamen zu nennen – während sich also jäh eine Gereiztheit bemerkbar macht, die in der Tat schon etliche Zeitgenossen ankam, wenn Bettina von Arnim sich ins Spiel brachte, ist aber auch bereits der schmucke Katalog von damals aus dem Regal gezogen.

Im Kapitel „Poetische Verfahrensweisen“ findet sich ein Beispiel dafür, wie beschwingt und bedenkenlos (aber nicht unbedacht) Bettina von Arnim in ihrem berühmten Buch „Goethe’s Briefwechsel mit einem Kinde“ (1835) – einem wirkungsvollen, aber auch enervierenden Titel – in, ähm, Johann Wolfgangs Schreiben an sie eingriff. Nicht nur lässt sie sich schon 1808 von ihm duzen, nicht nur macht sie aus einem Weihnachtsgeschenke- einen Geburtstagsgeschenkebedankemichbrief, Zweiteres aber so kurios halbherzig und fehlerhaft, dass im Katalog die Frage aufgeworfen wird, ob sie uns womöglich auf die Verfälschung (die Interpolation) habe aufmerksam machen wollen. Vor allem aber verlängert sie seinen Brief. Sie lässt ihn „wieder zum Kinde“ werden vor Freude über die Bescherung, sie lässt ihn ihr „diplomatisches Talent“ loben und wie sie ihm „immer wieder neu und überraschend“ kommt. „… du bist allerliebst meine kleine Tänzerin, die einem mit jeder Wendung unvermutet den Kranz zuwirft.“ Ja, das würde ich auch gerne einmal über mich lesen. Gleichwohl handelt es sich um einen klassischen Fake, und da Bettina von Arnim im digitalen Zeitalter auf Twitter und Instagram gewesen wäre, ist die Aufregung im Netz nicht auszudenken.

Bettina von Arnim beschämte in sozialen Fragen ihre Jahrhunderthälfte mit einem glasklaren Sinn für Gerechtigkeit. Sie beleidigte allerdings auch Johann Wolfgangs Frau Christiane von Goethe mit der legendären Beschimpfung „dicke Blutwurst“ und machte sich dadurch am Frauenplan unmöglich (zuvor soll Christiane von Goethe Bettina von Arnim die Brille von der Nase gerissen haben, nachdem sich Bettina von Arnim abfällig über einen bestimmten Maler geäußert haben soll – Nachnamen heben nicht unbedingt das Niveau).

An diesem Wochenende wollen wir einmal wieder in Ruhe an Bettina von Arnim denken, die am Sonntag vor 160 Jahren starb.

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