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Arme Ente

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Von: Sandra Danicke

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Ausstellung zu Asger Jorn in der dänischen Nationalgalerie in Kopenhagen.
Ausstellung zu Asger Jorn in der dänischen Nationalgalerie in Kopenhagen. © Betina Garcia/dpa

Wenn eine Künstlerin das Kunstwerk eines Künstlers überarbeitet, der das Kunstwerk eines Künstlers bearbeitet hat, entsteht nicht zwangsläufig Kunst. Die Kolumne „Times mager“.

In der dänischen Stadt Silkeborg ereignete sich jüngst ein Skandal. Eine Performance-Künstlerin namens Ibi-Pippi Orup Hedegaard kritzelte auf ein Werk des berühmten Situationisten Asger Jorn, gab der Arbeit einen neuen Titel und behauptet seither, es sei nun nicht mehr Jorns, sondern ihr Kunstwerk. Das ist natürlich dreist, in der Kunstwelt jedoch nicht völlig unbekannt. Künstler, die die Werke anderer Künstler bearbeiten und sie anschließend als ihre eigenen deklarieren, gab es in der Geschichte bereits häufiger (ja, bisher waren das vorwiegend Männer).

Am bekanntesten ist wohl das Werk „Erased de Kooning Drawing“. 1953 hatte Robert Rauschenberg eine Zeichnung von Willem de Kooning ausradiert. Allerdings hatte er diesen vorher um Erlaubnis gefragt. De Kooning hatte sofort verstanden, worum es ging, und dem jüngeren Kollegen eine schwer ausradierbare Zeichnung überlassen. Rauschenberg soll vier Wochen gebraucht haben, um ein fast leeres Blatt zu hinterlassen.

Auch Asger Jorn selbst ist dafür bekannt, dass er fremde Werke verfremdet hat. Das Bild, um das es derzeit geht, ist ein unspektakuläres Landschaftsgemälde, das Jorn 1959 auf dem Flohmarkt gekauft und anschließend um eine aufgemalte Ente ergänzt hatte. Ibi-Pippi Orup Hedegaard, die bisher nicht als Künstlerin, dafür aber durch ihre öffentlich vollzogene standesamtliche Eintragung als Frau aufgefallen ist (bemerkenswert, weil sie als Mann geboren wurde und keine Geschlechtsangleichung vollzogen hat), hat darauf eine eigene Zeichnung geklebt. Problematisch für die Restauratorinnen und Restauratoren ist vor allem die Signatur daneben, mit Kuli direkt in Jorns Farbe geschrieben.

Während Jorn das Werk seinerzeit gekauft und damit besessen hat, ist Frau Hedegaard einfach in ein Museum marschiert und hat dort rechtswidrig fremdes Eigentum zerstört. Auch damit ist sie nicht die Erste. Vor drei Jahren hatte auf der Art Basel in Miami ein Performance-Künstler eine mit Klebeband an die Wand geklebte Banane (Titel: „Comedian“) aufgegessen, die ein Werk des Künstlers Maurizio Cattelan und bereits für einen sechsstelligen Betrag verkauft worden war.

Womöglich hatte der Banause einfach Hunger. Oder er wollte das Bananen-Werk mit seiner Aktion kritisieren. Zumindest kann man sagen, dass die Banane ja ohnehin nicht allzu lange gehalten hätte. Cattelan hatte sowieso darum gebeten, die Frucht, äh, das Werk 175 cm über dem Boden in einem Winkel von 37 Grad aufzuhängen und alle sieben bis zehn Tage auszutauschen.

Bei Asger Jorns Bild verhält es sich anders. Man muss von Vandalismus sprechen.

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