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Man darf eine hohe Meinung von der Archäologie haben, auch wenn sie in diesen Wochen so komplett system-un-relevant ist.

Times mager

Archäologie

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Welches Material wird die von der Corona-Krise befallene Welt zurücklassen? Was wird dereinst ausgegraben werden?

Und die Archäologen, haben sie sich Zurückhaltung auferlegt? Oder sind sie womöglich in Kurzarbeit geschickt worden? Graben sie so tief in diesen Tagen, dass man sie nur sehr schlecht wahrnehmen kann?

Auch wenn sich derzeit noch kein Mensch Gedanken über die allgemein gesellschaftliche Bedeutung (Relevanz) von Archäologen gemacht hat, die Stunde der Archäologen wird kommen! So wird es an ihnen liegen, das Datum und die Uhrzeit freizulegen, an dem das erste Mal das Wort von einer „Diktatur der Virologen“ fiel. Denn um Archäologe zu sein, muss man nicht mit einem Spaten unterwegs sein.

Archäologie also in einem übertragenen Sinne. Sie werden dabei sein, wenn zukünftige Generationen das Material vorfinden, das ihnen die von der Corona-Krise befallene Welt zurücklässt. Es gilt einen Nachlass an ungeheuren Datenmengen zu sichten, den Krankenhäuser und Intensivstationen hinterlassen haben, das Internet und die Zeitungen, Talkshows, Regierungssitze oder Homeoffices. Nicht zuletzt Gräber und Massengräber. In diesem Fall ist die klassische Archäologie gefragt, die mit dem Spaten. Die Archäologie ist gewiss eine recht junge Disziplin. Hamlet, den Schädel in der Hand, kam ins Grübeln. Der Archäologe, ein Gebein in der Hand, rekonstruiert den aufrechten Gang. Und mit dem Schädel in der Hand was? Krisenzeiten des Homo sapiens. Man darf eine hohe Meinung von der Archäologie haben, auch wenn sie in diesen Wochen so komplett system-un-relevant ist.

Weil Archäologen im Verborgenen arbeiten? In einer stark ausdifferenzierten Gesellschaft, wovon zuerst die Soziologie sprach, ohne in diesen Tagen deswegen gesellschaftlich wichtig zu sein, sind auch andere Bereiche nicht so notwendig, ob in der Makroökonomie oder bei den Minijobs, in den Metallbetrieben oder im Maschinenbau. Wo es prächtig läuft, das sind die Mastbetriebe.

Prioritäten! Geht es nur darum? Wem der „König Ödipus“ in diesen Tagen nichts sagt, dem hat er immer schon etwas noch nie gesagt, irgendetwas über Theben, die Seuche dort. Sein oder Nichtsein – wer dazu nicht an Hamlet denkt und an Schädel, hat sich deswegen noch nie groß einen Kopf gemacht. Das wird auch in der Welt nach Corona nicht anders sein. Was erst mal weg ist, ist weg. Was in der Corona-Krise als Ballast etikettiert worden ist, wird als Ballast zurückbleiben, unter die Räder kommen, unter die Erde.

Noch ein Betätigungsfeld für Archäologen. Denn Archäologen bearbeiten ein denkbar weites Feld. Es wird in der Welt nach Corona noch größer werden, aber unterirdisch womöglich mehr hergeben, als auf ihm verstreut.

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