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Times Mager

Arbeitslohn

Um halb sieben begann ich heute Morgen mit dem Schneeschippen. Eine Stunde später sah es aus, als habe es nicht geschneit. Das empfand ich als Triumph. Ein Sieg über die Geschichte. Von Arno Widmann

Um halb sieben begann ich heute Morgen mit dem Schneeschippen. Eine Stunde später war ich fertig. Vor meinem Haus und vor dem meiner Nachbarin zur Linken und der zur Rechten war alles blitzblank. Kein einziges Schneeflöckchen war mehr übrig. Nichts als schwarzer Asphalt oder jene kleinen Pflastersteine, die einst bei fast ebenso kleinen Revolutiönchen sich so großer Beliebtheit erfreuten. Mit Schnee hatte alles viel schöner ausgesehen, aber dass es jetzt so aussah, als habe es nicht geschneit, als sei nichts passiert, empfand ich als Triumph. Ein Sieg über die Geschichte. Hart erkämpft. Jedenfalls hatte ich Muskelschmerzen und war einigermaßen erschöpft.

Um der Wahrheit willen muss man freilich zugeben, dass die bloße Schipperei zwar meinen Bewegungsapparat hoch belastete und mich heftig ins Schwitzen brachte, dass sie aber für den Erfolg des Unternehmens nichts war als ein erster Schritt. Wichtiger war die Arbeit mit dem Besen und am allerwichtigsten war ganz am Ende das Streuen des Salzes. Man kann also sagen, dass die alleranstrengendste Arbeit am wenigsten bewirkte. Der Bürgersteig sah, nachdem ich den Schnee beseitigt hatte, schrecklich aus. Die Schönheit des Schnees war beseitigt, ohne dass die des Asphalts hervorgetreten wäre. Auch der Besen hinterließ noch viel zu viel Spuren. Erst das Ausschütten des Salzes sorgte dafür, dass in dem weißen Schnee eine schwarze Bahn freigelegt wurde, eine Spur der Zivilisation in der Wildnis.

Dabei war ja das Salzstreuen keine Arbeit mehr. Ich stand nur da und verteilte das Salz um mich, als wäre es Konfetti oder als stünde ich auf einem Karnevalswagen, gäbe die Jungfrau und würfe mit Kamelle um mich. Es war eine Lust. Ich sah zu, wie das Salz die Schneereste, ja selbst den festgetretenen Eisdreck wegschmolz. Der größte Effekt mit der geringsten Arbeit. So soll es sein! Dabei war es gar kein richtiges Streusalz. Das gibt es nicht mehr. Ich nahm Salz aus der Küche. Es stürzte sich mit nicht nachzuvollziehendem Heißhunger auf Eis und Schnee und vertilgte beides.

Jetzt ist es 15 Uhr, und von der Anstrengung dieses Morgens ist nur eine süße Müdigkeit geblieben.

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