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Ansagen

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Von: Thomas Stillbauer

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Früher hat man die Tür in der U-Bahn noch ganz ohne Ansagerin gefunden.
Früher hat man die Tür in der U-Bahn noch ganz ohne Ansagerin gefunden. © imago

Wussten Sie, dass Brecht einen Doppelnamen hatte und Brecht-Straße hieß? Das jedenfalls könnte man als Passagier des öffentilchen Nahverkehrs meinen.

Anhaltendes tiefes Befremden herrscht in der Stadt über die Dame, die die Stationen ansagt. Beziehungsweise nicht mehr ansagt. Das ist es ja.

Die Dame, die die Stationen in der U-Bahn ansagte, ist vor einiger Zeit in Rente gegangen. Ihr gutes Recht. Wir müssen jetzt sehen, wie wir klarkommen, denn die Nachfolgeregelung fällt deutlich zum Nachteil der Fahrgäste aus. Beispielsweise sagt die Roboterstimme, die seither in der U-Bahn zu vernehmen ist: „Ausstieg in Fahrt richtung rechts“, Betonung auf „Fahrt“. Fragt sich, was das soll.

Ganz früher fand man die richtige Tür noch ohne Hilfe. Als es dann losging, dass die Dame, die die Stationen ansagte, auch die Seite mit der Tür nannte, lag die Betonung auf „rechts“ (beziehungsweise auf „links“, je nach Station). Logisch, denn worauf es ankommt, ist ja, nicht nur in der U-Bahn: rechts oder links. Wenn ich „Fahrt“ statt „rechts“ betone, bedeutet das: Der Ausstieg ist in jedem Fall rechts; der springende Punkt ist nur, ob in Fahrtrichtung oder nicht. Was prinzipiell ebenfalls korrekt wäre. Dann müsste die Stimme allerdings eine Alternative zu „in Fahrtrichtung“ haben. Sie müsste, wenn der Ausstieg auf der anderen Seite stattfindet, sagen: „Ausstieg gegen die Fahrtrichtung rechts“. Oder „Ausstieg, falls wir auf dem Kopf stehen würden, rechts“. So etwas hat man aber noch nie von ihr gehört.

Außerdem nuschelt sie, und vor allem kennt sie die einfachsten Straßennamen nicht. Diese Schwäche teilt sie übrigens mit ihrer Kollegin, der Dame, die in unserem Auto die Strecke ansagt. „Bertolt-Brecht-Straße “, Betonung auf „Straße“. Das klingt, als hätte Brecht den Mädchennamen seiner Frau angenommen und heiße jetzt „Brecht-Straße“ mit Nachnamen, was keiner seriösen Überprüfung standhält und auch in navigationstechnischer Hinsicht überhaupt nicht hilfreich wäre. Ich will von der Dame, die im Auto die Strecke ansagt, verdammt noch mal wissen, wohin ich fahren soll, und nicht, wie Bertolt Brecht nicht mit Nachnamen heißt.

Aber zurück unter die Erde. Unsere Stadt verfügt über eine der traditionsreichsten U-Bahnen des Landes. Früher, als noch die Dame mitfuhr, die die Stationen ansagte, klang das immer gut, sogar auf Englisch, wenn sie ganz besonders lang und eindringlich zu uns sprach: „Please mind the gap between the train and the platform!“ Am Ende des Vortrags dann: „Buslines sixty-four and fourty-six“. Einwandfrei. Die Menschen möchten nicht, dass in ihrer ehrenwerten U-Bahn sprachliches Schindluder getrieben wird. Und jetzt behaupten Sie bitte nicht auch noch, die Dame, die die Stationen ansagte, sei früher gar nicht selbst mitgefahren.

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