Make it so! Sogar Picard ist im Homeoffice.
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Make it so! Sogar Captain Picard ist im Homeoffice.

Times mager

Anpassung

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Warum analog leben, wenn es dort so sonderbar ist? Trotzdem gut, dass alle ihre Maske angezogen haben. Fast angezogen haben.

Selten hat der Mensch Gelegenheit, in einer größeren Gruppe seine Anpassungsfähigkeit an eine sich markant verändernde Lage zu überprüfen, ohne direkt in Panik geraten zu müssen. An diesem Tag wieder zwischen all den halbwegs über die U4 verteilten anderen Personen mit Mund-Nase-Bedeckung herumzusausen, war imposant, denn es hatte ein jeder seine Maske auf oder fast auf, der Dicke und der Dünne, die Eindrucksvolle und die Klägliche, der Halbstarke und die Greisin.

Das sich dabei noch immer einstellende Gefühl, im falschen Film zu sein, wird dabei nur noch von dem stärkeren Wissen übertroffen, in gar keinem Film zu sein. Dabei hat der Filmkonsum messbar zugenommen und machte etwa kürzlich wieder das Holodeck auf Raumschiff Enterprise Freude. Captain Picard spielte Captain Hornblower. Denn das allgemeine Abspacen geht einher mit einer nostalgischen Note. Wenn Sie mal einen richtig vergnüglichen und langen E-Mail-Wechsel mit lieben Kollegen in weiter Ferne haben wollen, müssen Sie nur nach der Lieblingseissorte aus deren Kindheit fragen. „Brauner Bär“, „Dolomiti“, „Grünofant“? „In weiter Ferne“ heißt ausdrücklich nicht, dass sie sich im Homeoffice befinden, die lieben Kollegen. Im Homeoffice würden keine Arbeitnehmerin und kein Arbeitnehmer auf den Gedanken kommen, über Eissorten nachzudenken. Außer es handelte sich um Beschäftigte einer Firma für Gefrorenes, logisch.

Aber das ist wirklich eine Abschweifung. Der Punkt ist doch folgender: Während die Frankfurterinnen und Frankfurter wacker und analog durch eine Welt laufen, in der jeder schlankweg etwas zur Hand hat, das er sich flugs über das Gesicht klappen kann, stellt manch einer beim Fußballschauen die Tonspur ein, auf der Sky im Hintergrund Fangesänge aus alten Zeiten anbietet. Es ist nicht zu fassen. Der jüngste Coup: Das „Oktoberfest Phantom“ des Dokumentarfilmers Philip Gröning, das Gelegenheit geben wird, durch leere Festzelte zu wandern. Akustisch sei es hier überraschend voll, vermeldete der Film-Fernseh-Fonds Bayern, der das Projekt fördert. Leere Oktoberfestzelte, in denen es akustisch überraschend voll ist. Reizvoll.

Wo sich alles überlappt, werden Sehnsüchte vielschichtiger, undurchsichtiger. Wie soll man auf Analogem bestehen, wenn es virtuell heimeliger, altmodischer und auf angenehme Weise voller ist? Und was soll ein Marsmännchen dazu wieder sagen? Wobei wir uns nach den Raumschiff-Enterprise-Abenteuern lieber gegenüber einem Marsmännchen erklären möchten als gegenüber dem letzten Bewohner von Ceti Alpha V, der nicht mit sich reden lassen wird. Weil es ihm wurscht ist, weil er echt nichts mitkriegt. Geht nicht gut aus für ihn.

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