1. Startseite
  2. Kultur
  3. Times mager

Anomalie

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Michael Hesse

Kommentare

Potz Blitz! Auch dieser in San Diego ist eher ungewöhnlich, denn Gewitter entladen sich nur selten über dem Süden Kaliforniens. Und doch nichts gegen das, was Astrophysikerinnen und -physiker Anfang Oktober beobachteten
Potz Blitz! Auch dieser in San Diego ist eher ungewöhnlich, denn Gewitter entladen sich nur selten über dem Süden Kaliforniens. Und doch nichts gegen das, was Astrophysikerinnen und -physiker Anfang Oktober beobachteten © K.C. Alfred/dpa (Archiv)

Der Blitz, der dem Fass den Boden ausschlug.

Wie erhellend doch ein Blitz sein kann. In vielen Teilen der Welt machten Astrophysiker:innen Anfang Oktober genau diese Erfahrung. Ein Blitz schlug mit solcher Wucht ein, dass ihnen in Bezug auf ihre gängigen Theorien über das Weltall Hören und Sehen verging. So fielen, „potz Blitz!“, alle Weltraumteleskope aus, und auch die Ionensphäre der Erde wurde kurzzeitig gestört.

Ausgelöst hatte dies ein sterbender Stern, der zu einem Schwarzen Loch in sich zusammefiel. Dabei geben diese Sterne Energie in Form von Gammastrahlen ab, sie wird innerhalb von Sekunden freigesetzt und ist um ein Vielfaches höher als jene, die die Sonne während ihrer gesamten Existenz emitiert. Das Ereignis fand 1,9 Milliarden Lichtjahre von der Erde entfernt statt, in kosmischen Dimensionen ein Katzensprung. Dies war, das dämmerte den Forscher:innen schnell, kein ganz gewöhnlicher Tag im Leben des Kosmos. Denn die Lichtteilchen, die auf die Erde einprasselten, legten ihren Weg mit viel zu großer Geschwindigkeit zurück.

Ein Photon, berichtete die Nasa, sei mit einer Energie von 99 Milliarden Elektronenvolt unterwegs gewesen. Zur Einordnung sei festgehalten, dass unser „normales Licht“ eine Energie von zwei Elektronenvolt aufweist. Im fernen China registrierte man sogar ein Photon, das mit einer Energie von 18 000 Gigaelektronenvolt auf die Erde zustürzte. Es handelte sich damit, erklärten die Astrophysiker:innen, um den hellsten Gammablitz aller Zeiten. Nach kurzer Überlegung fand man zwar rasch einen Namen für das Phänomen: „Boat“, Brightest of all time. Aber man sucht nach wie vor fieberhaft nach einer Erklärung. Dieser Blitz schlug dem Fass den Boden aus. Denn nach allem, was die Theorien zulassen, hätten die Photonen nicht mit dieser Energie die Erde erreichen dürfen. Der Grund ist hier in der Hintergrundstrahlung des Kosmos zu finden. Sie verhindert, dass Photonen so rasch das All durchqueren können.

Die Forscher versuchten zunächst zu retten, was an den Theorien noch zu retten ist. Möglicherweise habe sich das Photon ja unterwegs in ein materielles Teilchen verwandelt, das „immun“ gegen diese Hintergrundstrahlung sei, um sich dann wieder in ein Photon zu verwandeln, um dieses Ereignis, man ist fast geneigt zu sagen, Ärgernis, an den umliegenden Weltraumteleskopen auszulösen.

Die Forscher:innen ahnen, dass sie sich an einem Punkt befinden könnten, den der Wissenschaftssoziologe Thomas S. Kuhn vor vielen Jahrzehnten als Anomalie bezeichnete. Damit sind solche Beobachtungen gemeint, die den gängigen Theorien zuwiderlaufen. Liegen zu viele Anomalien vor, bricht das theoretische Weltbild in sich zusammen. Vorausgesetzt, eine neue Theorie hat sich bereits angekündigt, die von der Wissenschaftsgemeinde anerkannt wird. Der Blitz, der vom heiteren Himmel die Forscher:innen in ihrem theoretischen Schlummer erreichte, könnte eine echte Zeitenwende bedeuten. Anders als in der Politik sind diese in der Wissenschaft irreversibel.

Auch interessant

Kommentare