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Angsthase

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Der Angsthase träumt schwer - und wenn nicht, starrt er nachts den Super-Supermond an.
Der Angsthase träumt schwer - und wenn nicht, starrt er nachts den Super-Supermond an. © rtr

Die Erfolge des Furchtlosen liegen in der Furchtlosigkeit selbst, da ihn weder Drachen noch Spötter noch Konkurrenten noch irdische Gegebenheiten aufhalten können.

Es gibt etliche Beispiele dafür, dass der furchtlose Mensch – Siegfried, Obelix, Parzival, der Fliegende Robert, das Jüngelchen im „Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ – ein Simpel ist. Allerdings beschert ihm seine Furchtlosigkeit unterm Strich mehr Vorteile – Schatz, Freiheit, Abenteuer, frische Luft, eine glänzende Partie – als Nachteile: Kratzer, Figurprobleme, Unbeliebtheit, Wegfliegen, Müh und Plag bei der Gespensterabwehr. Was übrigens bedeutet, dass es für den Fliegenden Robert schon eher ungünstig ausgeht. Das ist aber eine Ausnahme.

Die Erfolge des Furchtlosen liegen in der Furchtlosigkeit selbst, da ihn weder Drachen noch Spötter noch Konkurrenten noch irdische Gegebenheiten (Starkböen in der Tiefebene) noch überirdische Wesen aufhalten können. Sie liegen ferner in der daraus resultierenden Zielorientierung. Dass schon ein gelegentlicher Blick über die Schulter (Siegfried) zu viel verlangt oder ein Eimer kaltes Wasser mit Fischen (einer, der auszog, das Fürchten zu lernen) eine zu große Überraschung ist, ist dann die Kehrseite.

Nun ist es leicht, darauf hinzuweisen, wie viel länger u. U. der Angsthase lebt, auch wenn er nicht berühmt und reich und, ja, vielleicht nicht einmal glücklich wird. Der Angsthase selbst ist oft genug skeptisch sich selbst gegenüber (dem Furchtlosen eine wesensfremde Eigenschaft), wenn er gerade wieder dabei ist, seinen Puls zu beruhigen, weil ihn von hinten jemand angesprochen hat. Obwohl der Angsthase wirklich oft zurückblickt, aber eben nicht permanent. Er muss ebenso im Auge behalten, was vorne los ist. Gleichwohl ärgert es ihn, dass er Objekt manchen Spottes ist. Was hat er dem schon entgegenzuhalten, außer folgende Klarstellung von symptomat.de: „Es gibt keine vorbeugenden Maßnahmen bei der Schreckhaftigkeit. Die Schreckhaftigkeit ist eine gesunde Reaktion des menschlichen Körpers und nicht vom Willen beeinflussbar, das heißt, sie kann nicht bewusst gesteuert werden.“

Nachteiliger für den Angsthasen sind berufliche Einschränkungen. So gibt es eine neue Erzählung von Daniel Kehlmann, die der Angsthase zwar längst gelesen, aber noch nicht verwunden hat. Es ist eine Gruselgeschichte, und der Sinn des Titels, der wirklich furchtbare Sinn des Titels „Du hättest gehen sollen“, führt, anders als erwartet und auch erhofft, nicht auf die Ebene eines anständigen Thrillers, bei dem die Polizei schon alles richten wird. Sondern in eine Welt, mit der ein Angsthase nichts zu tun haben will. Schon träumt er schwer und starrt nachts nachdenklich den Super-Supermond an.

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