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Vergangene Zeiten mit aktuellen Fragen.

Times mager

Auf Anfang

Was das Ende der Antike mit Populismus zu tun hat.

Dass es auf einige Fragen nur dürftige Antworten gibt, und auf besonders große Fragen erst recht nur ganz bescheidene, hat soeben der Althistoriker Christian Meier deutlich gemacht in einem Gespräch zu seinem 90. Geburtstag. Die FAZ stellte ihm die Frage, warum die Antike irgendwann aufgehört habe. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, brachte als eine sinnvolle Erkenntnis schon der Römer Cicero in Umlauf – und so war es überhaupt nicht kokett zu verstehen, wenn nun der Antike-Kenner Meier lapidar meinte: „Das möchte ich auch wissen.“ Um unmittelbar anschließend die Frage nach dem Ende der Antike fortzusetzen mit weiteren Fragen: „Aus Überforderung? Weil die in Jahrhunderten gebildeten Lebensformen nicht mehr passten? Nicht mehr so leicht weiterzugeben waren? Weil die Anforderungen zu hoch wurden, der Sinnkredit erschöpft war?“

Keine Frage, die nicht bereits für sich allein genommen beunruhigend wäre. Kein Gedanke, der sich nicht noch mehr verdichten ließe: „Weil die Menschen insgesamt andere wurden? ,Man sagt immer der Mensch, aber man vergisst seine Mutationen‘, heißt es bei Musil. Und dann entsteht ein ungeheurer Druck von außen, die andrängenden Germanenheere, die auf die unendlich langen Grenzen drücken, die Kosten, die all das verursachte. Was bewirkt die Ansteckungsgefahr der Verzweiflung? Man muss, wenn man von all dem handelt, einiges riskieren.“

Das ausgeprägte Ferngedächtnis und abwägende Urteil hat sich nie mit billigen Antworten zufrieden gegeben, anders als eine populistische Politik, die sich immer wieder von fahrlässigen Analogien hat anstecken lassen. Von spätrömischer Dekadenz schwadronierte oder dem Ansturm der Barbaren auf die Zitadellen der Zivilisation. Was eine ressentimentgetriebene Politik an Antworten so auf Lager hat – Lagerdenken eben.

Wie erklärt der Populismus, der so tut, als gäbe es auf jede hochkomplexe Frage eine simple Antwort, eigentlich diesen Aspekt, den Übergang von der griechischen Antike auf die römische? Meier gibt zu bedenken: „Man weiß nicht, ob man mehr die Offenheit hervorheben soll, mit der die Römer den Griechen begegneten, oder die ganze Macht des Einflusses, der von den Griechen ausging. Jedenfalls war mehr als die halbe Mittelmeerwelt griechisch, als die Römer dort eindrangen.“ Offenheit und Einfluss, Integration und Assimilation begründeten, wenn man die Antike Revue passieren lässt, ein Erfolgsmodell.

Kein Gedanke an die Antike, der nicht auch eine gewisse Aktualität hätte. Große Fragen, beschämte Antworten. Vielleicht ein Anfang.

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