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Aneignung

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Von: Lisa Berins

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Als weiße Band Reggae-Musik spielen und dabei Dreadlocks tragen – die Empörung ist programmiert.
Als weiße Band Reggae-Musik spielen und dabei Dreadlocks tragen – die Empörung ist programmiert. © Imago

Was hat eine Sattelstütze mit Reggae-Musik zu tun? Lassen Sie sich überraschen.

Kulturelle Aneignung muss man sich heute trauen: Als weiße Band Reggae-Musik spielen und dabei Dreadlocks tragen – die Empörung ist programmiert. Man wird verdächtigt, sich an der Identität und Kultur einer marginalisierten Gruppe zu bereichern. Die Empörten: automatisch auf der guten Seite. Sie sind die moralischen Anwält:innen der rechtmäßigen Besitzer:innen des Stückchens Kultur. Wobei das mit dem Besitz oft ja gar nicht so eindeutig ist, vor allem, wenn es sich um immaterielle Dinge handelt. Hat die Band sich schuldig gemacht, weil sie etwas nahm, was ihr nicht gehörte? Ist Aneignung also gleich Diebstahl?

Eine Antwort darauf wird es in diesem Times mager nicht geben - sorry. Aber lesen Sie bitte trotzdem weiter, es wird spannend. Denn es geht um ein ethisch-juristisches Grundsatzdilemma. Um die Frage: Was darf ich mir wann aneignen und wann lass ich lieber die Finger davon, um nicht vor Gericht zu landen?

Ein befreundeter Jurist sorgte kürzlich selbst für einen Musterfall. Eines samstags auf einer Radtour knickte er beim Fahren weg. Seine Sattelstütze war gebrochen, der Stahl mittendurch, ohne Vorwarnung. Zum Glück fiel der Jurist nicht hin, sagte nur: „Wadde mal“, stoppte am Rande des Feldwegs und stieg ab. Im Schweiße seines Angesichts radelte er dann im Stehen zum nächsten Bahnhof, wo die Züge ausfielen. Der Schienenersatzverkehr nahm keine Räder mit. Der nächste Bahnhof: fast fünf Kilometer entfernt. Die Sonne hämmerte. Kein Schatten. Die Getränkevorräte gingen zur Neige. Was tun?

Am Bahnübergang im Gras lag die Rettung: ein rostiges Herrenrad! Kette kaputt, Bremsleitung herausgerissen, unabgeschlossen. Zustand: kurz vorm Zerfall. Der Jurist holte sein Werkzeug hervor. Mit ein paar Handgriffen war der Sattel des rostigen Rads mitsamt Sattelstütze abmontiert. Der Durchmesser des Rohrs war zu klein, und die Stütze verschwand im Rahmen des Juristenrads, so dass der Sattel drehbar wie ein Spielzeugkreisel obenauf lag. Aber es machte nichts, besser als im Stehen fahren war es allemal. Der Jurist erreichte den Bahnhof und stieg in den Zug nach Frankfurt.

Was sagen Sie: War das gerade Diebstahl?

Der Jurist sagt: Nicht unbedingt ... Denn wenn man es genau betrachtet, deutete alles darauf hin, dass die Eigentümerin oder der Eigentümer des alten Rades seinen oder ihren Besitzanspruch aufgegeben hatte! In diesem Sinne also: Ein klarer Fall von fast rechtmäßiger Aneignung. Und jetzt überlegen Sie mal, wie das mit der kulturellen Identität aussieht, wenn die Sache beim Fahrradsattelklau schon so kompliziert ist.

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