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Darf der das? Schriftsteller Andrea De Carlo im Jahr 2013.
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Darf der das? Schriftsteller Andrea De Carlo im Jahr 2013.

Times mager

Aneignung

  • Stephan Hebel
    VonStephan Hebel
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Ist Andrea De Carlos Roman „Margherita und der Mond“ der Versuch einer emphatischen Annäherung? Oder soll gefälligst ein Mann sich keine Frau ausdenken?

Warnhinweis: Es folgt nun der Text eines Mannes über einen Mann, der einen Roman aus der Perspektive einer Frau geschrieben hat, und das in der Ich-Form. Noch ein Warnhinweis: Dieser Text will und soll kein Beitrag zu den bei „identitätspolitischen“ Fragen üblichen Erregungsspiralen sein, im Gegenteil.

Der Romanautor heißt Andrea De Carlo, das Buch, erschienen bei Diogenes, „Margherita und der Mond“. De Carlo lässt seine Hauptfigur eine dieser emotionalen Achterbahngeschichten aus dem gutbürgerlichen Milieu erleben (und erzählen), in deren Erfindung er ein Meister mit nahezu unerschöpflicher Fantasie zu sein scheint.

Trotzdem die Frage: Darf der das? Ist die Grenze zur illegitimen „kulturellen Aneignung“ nicht überschritten, wenn ein Mann sich das „Ich“ einer Frau aneignet, egal ob er sie selbst „in die Welt gesetzt“ hat oder nicht? Hat der Schriftsteller das Recht, sein weibliches Geschöpf vor der Originalität und dem Charme des Mannes, dem sie begegnet, sozusagen in die Knie gehen zu lassen?

Üblicherweise bilden sich angesichts solcher Fragen sofort zwei Parteien. Die eine empfindet den kritischen Umgang mit der Aneignung der weiblichen Identität als Zeichen einer „cancel culture“, die im Wahn der „political correctness“ der künstlerischen Freiheit den Garaus machen wolle. Die andere verteidigt den Anspruch benachteiligter Gruppen, ihre Benachteiligung selbst in Worte zu fassen, statt als Objekt ihrer Aneignung durch andere zu dienen.

Das Schöne an De Carlos Roman (außer dem Roman selbst) könnte sein, dass die Debatte hier gar nicht aufkommt. Das wiederum könnte helfen, die Pole identitätspolitischer Streitereien mal abzuschmelzen und dazwischen Räume zu finden, die sich gemeinsam gedanklich bewohnen lassen.

Ist De Carlos Vorgehen vielleicht deshalb kein Grund zur Aufregung, weil es sich viel eher um den Versuch einer empathischen Annäherung, einer experimentellen Identifikation mit seiner Titelfigur handelt als um „Aneignung“ im plumpen Sinne? Zeigt das nicht auch, dass gesellschaftliche Gruppen, die gegen Diskriminierung kämpfen – hier die engagierten Frauen –, viel souveräner und toleranter sind, als das Geschrei über „cancel culture“ das oft nahezulegen scheint?

Vor knapp zwei Jahren tobte in den USA die Debatte über den Roman „American Dirt“ von Jeanine Cummins, die als Weiße über das Schicksal einer mexikanischen Einwanderin geschrieben hatte. Ihr Autorenkollege Colson Whitehead stellte laut „Spiegel“ klar: Nicht diese „Aneignung“ sei das Problem, sondern „dass sich die Autorin einer Sprache voller Klischees bedient habe“. Ist es vielleicht das, was den Unterschied macht? Viel Spaß mit Andrea De Carlo.

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