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Mit dem Fluss strömen die Erinnerungen strömen, rennen, manchmal, kleine Schaumkronen bildend, sich überschlagen.
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Mit dem Fluss strömen die Erinnerungen strömen, rennen, manchmal, kleine Schaumkronen bildend, sich überschlagen.

Times mager

Am Fluss

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Erinnerungen zwischen Buschwindröschen und einem alten Lehrer.

Zwischen den Orten P. und S. kann der Fluss kein noch so kleines Rinnsal oder Pfützchen, keinen Fuß aufs Land setzen, er ist im Korsett, begradigt, überbrückt. Und wenn die Teenagerin von der Brücke hinuntersah – selten, denn das Interesse war nicht groß an diesem trägen nassen Tier –, dann konnte der Fluss noch nicht einmal mit Schaumkronen und Wellen punkten, wie sie es beim Urlaub an der Nordsee gesehen hatte. Es gab keinen sich zwischen den Zehen durchschiebenden, sie streichelnden Sand, keinen allmählichen Übergang von Knöchel- zu Knietiefe. Würde man dem Fluss zu nahe kommen, das Gleichgewicht verlieren, würde man vergeblich strampeln, Halt keinen finden. Und selbst wenn ein Grund noch berührt werden könnte mit den Zehenspitzen, dann würde doch die Strömung schieben und drücken und an allen Gliedmaßen gleichzeitig zerren. Halt Abstand, sagten die Eltern.

Die Gefahrenzone begann schon mit der Uferböschung, die nur ein Stück flussaufwärts gleichsam eine Uferbergwand wurde, viele Meter hoch. Kraxel dort nicht runter, sagten die Eltern, es ist steil und wenn du abrutschst … aber dort waren halt auch die schönsten Blumen und leuchteten aus dem Gras, der maisgelbe Huflattich, die zitronenfaltergelben Himmelschlüssel, die bergseeblauen Leberblümchen, ein Buschwindröschen neben dem anderen, im Frühling, aber nicht nur dann, eine reine blühende Verlockung neben der anderen.

Warum wir das erzählen? Weil mit dem Fluss die Erinnerungen strömen, rennen, manchmal, kleine Schaumkronen bildend, sich überschlagen.

Weißt du noch, sagt man zu sich selbst, den steilen Hang hinunterblickend, an dem die Leberblümchen und Buschwindröschen gerade wieder blühen, weißt du noch, wie es einst galt, Unerschrockenheit zu beweisen am offiziellen Badestrand – denn das Wasser war kalt auch im Sommer, die Luft oft nicht sehr warm, man selbst noch ein Strich im Bikini. Aber natürlich fror man „am Lido“, die anderen taten es ja auch. Oder schützte, um nicht zu frieren, Hausaufgaben vor: Ich würde ja gern, echt, aber der K., dieser Blödmann, auch der P. nervt, in Mathe bin ich schwach, vom Aufsatz habe ich noch keine Zeile.

Am nächsten Tag, fast hätte man ihn nicht erkannt, sieht man den alten Deutschlehrer am Straßenrand, gebeugt, immer noch flink, auf dem Weg zum Friedhof. Wo man selbst auch bei jedem Besuch in P. mehr Zeit verbringt. Kurz geht man auf die Bremse, soll man halten, rausspringen, sagen: Erinnern Sie sich noch an mich? Oder bringt man ihn in Verlegenheit? Dann ist man vorbei, gibt Gas, rauf zum Parkplatz über dem Fluss, wo Schilder inzwischen mehr schlecht als recht einen „Höhenweg“ ausweisen für Fremde, die es derzeit nicht gibt.

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