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Altes Haus

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Von: Christian Thomas

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Der Bach rauscht durch das Dorf.  Im vergangenen Jahr, als es schlimmer war, fehlten nur noch 50 Zentimeter bis zur Tür hinterm alten Haus.
Der Bach rauscht durch das Dorf. Im vergangenen Jahr, als es schlimmer war, fehlten nur noch 50 Zentimeter bis zur Tür hinterm alten Haus. © imago

Ein paar Tage Stubenhockerei und Kopfeinziehen, und überhaupt ist es im Dorf anders als anderswo.

Von Anfang an keine kalten Füße, erstaunlich. Man denke nur an die Keller unter den Fußböden solcher Häuser. Was man sich alles so ausmalt, in einem fremden Haus, in einem Ferienhaus, in einem sehr alten Haus. Es ist bestimmt 350 Jahre alt. Bestimmt? Im Dorf gibt es keine Unterlagen mehr. Weil der große Krieg auch die vernichtet hat? Der große Krieg? Der Dreißigjährige wäre dann wirklich eine Ewigkeit her.

Später dann. Was überhaupt nicht richtig bedacht worden ist, ist die Aussicht vorm Fenster. Die Häuser stehen davor nicht bloß frei rum, auch sie hocken in einem Dorf aufeinander. Dennoch möchte man es heute vielleicht doch noch mal vor die Tür schaffen. Der Einhäusigkeit muss man wenigstens einmal täglich entkommen, nicht nur um sich zu bewegen. Sich langmachen. Der Rücken, gut, wenn es mit einem vertikalen Strecken klappte.

Der Bach rauscht. Hinter den blau beklebten Fensterscheiben, dort, wo ein „Schlecker“ lange Jahre für das Dorf da war, tut sich was. Es sieht ganz nach einem Ausstellungsraum für gewandte Landwirtschaftsmaschinen aus. Der Bach rauscht durch das Dorf. An der verflossenen Tankstelle versucht es jetzt ein Backwarenanbieter. Nur keine Mühle mehr, die noch klapperte. Der Bach rauscht in einem gemachten Bachbett. Im vergangenen Jahr, als es schlimmer war, fehlten nur noch 50 Zentimeter bis zur Tür hinterm alten Haus. Und die Versicherung lässt sich auf überhaupt nichts mehr ein. Gefühlte nasse Füße. Das findet kein Mensch im Dorf witzig.

Kaum ist es dunkel geworden, zählt umso mehr das Häuschen. Darin gefühlte Stubenhockerei. Die Raumhöhe lässt keine andere Wahl, bei 1,70 stößt man sich den Kopf, aber in Socken verschafft man sich Luft gegenüber den Obergrenzen von Decke, Balken, Türzarge. Gäbe es im Dorf eigentlich Erste Hilfe, einen Arzt? Das kommt drauf an, die Gegend ist ein Mobilfunklochgebiet. Auch das ist ein Reizthema, ganz plötzlich.

Nachher: Die Türklinke zu dem kleinen Haus lag bereits in den Händen von Generationen. Das Holz im Öfchen des Häuschens glimmt, die aktuellen Fensterbeschläge handschmeicheln der Hand. Die Fenster laden ein zum Lüften, so rauscht der Bach. Aber im vergangenen Regenjahr war es schlimmer. Nur noch zwei Handbreit. Wer heute einem Bach entlang wohnt, steht dann und wann unter Strom. Das findet kein Anrainer witzig.

Schließlich: Das alte Fachwerkhaus lädt ein zum Abschied. Auch so ein niedriges Häuschen ist sich über jeden der einzelnen Schritte im Klaren. Auf der Schwelle ein Vorbeugen. Vor der Tür ein letztes Verbeugen, im Anschluss ein aufrechter Gang.

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