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Die neue Altstadt in Frankfurt. Im Mittelpunkt: Der Hühnermarkt mit dem Stoltzebrunnnen.

Times mager

Ein und Alles

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Was passiert, wenn das Versprechen, Frankfurt endlich wieder wiedererkennen zu können, für Ur-Frankfurter ausbleibt?

In diesen Tagen schaut Frankfurt einer neuen Heimat entgegen. Die Nerven in der Stadt sind deswegen angespannt, stärker noch als sonst in der von Haus aus nervösen Global City. Denn die Erwartungen, die sich auf den neuen Stadtteil richten, sind enorm; und die Ablehnung ist auch nicht von Pappe. Apropos, der Eindruck, es handle sich bei der neuen Altstadt allein um Kulissenarchitektur, um ein potemkinsches Dorf, mitten in der City, täuscht.

Denn hinter den Fassaden sind tatsächlich Geschäfte eingezogen, auch wurde unübersehbar Wohnraum bezogen. Und auch wenn das alles nicht nach Mittelalterart vollzogen wurde, nicht in einem buchstäblichen (oder kleingedruckten) Sinne, so doch sinnbildlich. Allerdings waren Geschäfte und Wohnraum für mittlere (mittelmäßige) Einkommen nicht bezahlbar – aber das hat kein Mensch je anders erwartet, es sei denn, er wollte sich Illusionen hingegeben.

Illusionen greifen recht gerne aus, und an diesem Standort war der Mittelweg (das Mittelmaß) zu keinem Zeitpunkt der Königsweg. Mit der neuen Altstadt, so wurde es im Laufe der Bauzeit unmissverständlich versprochen, sollte Kompensation geleistet werden, an erster Stelle Wiedergutmachung für den in Frankfurt vielerorts verfehlten Wiederaufbau nach dem Krieg. Schon wegen dieser Erwartungen sieht ganz Frankfurt einem Ortsteil mit enormem Potenzial entgegen.

Altstadtfassaden und Altstadtfundamente stehen vor einer Herausforderung. Für die Fassaden wird es ein ästhetischer Faktencheck sein. Gefällt das Detail, ist das Gesims gelungen, wirkt das Fachwerk stimmig, überzeugen Balustrade und Schwibbogen, mutet das Profil der Sprossen authentisch an? Bilden Nachempfindung eines mittelalterlichen Erkers und Neugestaltung eines spätgotischen Giebels ein überzeugendes Ensemble?

Das Fundament der Altstadt wird härteren Fragen ausgesetzt sein. Dabei wird es nicht um Kopfsteinpflaster oder Basalt gehen. Denn zum Altstadtversprechen hat von Anfang an ein Heimatversprechen gehört, ein Identitätsversprechen obendrein. Heimat ist von Haus aus ein nicht ganz so pflegeleichtes Terrain. Und auch Identität ist wahrhaftig nichts Neutrales, vielmehr ein Ein und Alles. Die eigene Haut, das letzte Hemd.

Was passiert, wenn das Versprechen, Frankfurt endlich wieder wiedererkennen zu können, für Ur-Frankfurter ausbleibt? Wenn sie sich nicht heimisch fühlen angesichts von Tausenden Touristen aus aller Welt, täglich. Wenn sie sich vielmehr vor den Kopf gestoßen, verprellt fühlen, gar verdrängt und vertrieben?

Frankfurts Altstadt als neue Heimat von Identitätskämpfen dürfte Zukunft haben.

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