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Von: Sylvia Staude

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War es im "Hintertupfinger Anzeiger" oder dem "Sprockhöveler Boten"?
War es im "Hintertupfinger Anzeiger" oder dem "Sprockhöveler Boten"? © rtr

Jeden Tag muss ein Times mager her. Da müssen schon auch einige Anstrengungen her.

Der Erfolg – oder Misserfolg – einer Glosse entscheidet sich ja wohl an ihrem Anfang. Der erste Satz gibt den Ton vor. Der erste Satz weckt das Interesse. Oder eben nicht. Der erste Satz sollte mindestens mitteloriginell sein, sonst ist es besser, man löscht ihn sofort wieder. Und versucht es mit einem anderen. Denn was macht ausgerechnet der erste Satz einer Glosse für einen Eindruck, wenn die Leserin und der Leser so einen oder so einen ähnlichen ersten Satz in den vergangenen drei Wochen schon vier Mal gelesen haben? Wenn sie grad erst anfangen zu lesen, und denken: ach, schon wieder … Wenn sie grad erst anfangen zu lesen und denken: das kenn ich doch irgendwoher. Das habe ich doch vorgestern erst im „Hintertupfinger Anzeiger“ oder vielleicht auch dem „Sprockhöveler Boten“ gelesen. Oder war es doch die „Freckenhorster Allgemeine Zeitung“?

Und sie grübeln und denken nach, wo sie diesen ersten Satz gelesen haben, der ihnen so bekannt vorkommt, dass sie darüber ganz vergessen, die Glosse weiterzulesen, die vor ihrer Nase liegt. Und was ist das dann für eine Katastrophe für die Verfasserin, den Verfasser, die doch wenigstens – wenn schon nicht die Glosse ihres Lebens – das beste Times mager der letzten drei oder vier Wochen zustande bringen wollen.

Die Konkurrenz an dieser Stelle ist erheblich. Das wirkt jetzt vielleicht nicht so, weil es für den Times-mager-Rezipienten die natürlichste Sache der Welt ist, dass auf der zweiten Feuilleton-Seite ein Times mager steht. Das ist so selbstverständlich wie der tägliche Sonnenaufgang oder die Tatsache, dass man es wieder nicht geschafft hat, im Supermarkt die Lieblingsschokolade nicht zu kaufen. Und erneut nicht geschafft, sie zu Hause in eine Schublade zu legen und zu vergessen – wenigstens so lange, bis zwei oder drei Times-mager-Tage vergangen sind, bis also der Brokkoli oder Rosenkohl aufgegessen ist, sozusagen als Gegengift.

Aber diese Glosse schweift ab, und das ist noch schlimmer, als wenn sie einen langweiligen Anfangssatz hätte. Denn bei näherem Nachdenken ist es doch so, dass das Ende eines solchen Textes, dass der letzte Satz darüber entscheidet, ob die Leserin und der Leser ihn nicht nur bis zum Schluss gelesen, sondern auch noch in guter Erinnerung behalten haben. Was nützt alle schreiberische Erster-Satz-Brillanz, wenn sich der gute Eindruck sozusagen verläppert? Wenn er von Zeile zu Zeile austrocknet? Wie das Tote Meer, in dem man übrigens bald noch leichter Zeitung lesen kann, nämlich auf der salzigen Erde liegend. Aber diese Glosse schweift schon wieder ab.

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