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Hinterm Horizont ging‘s schon für Humboldt weiter - doch es dauerte, bis er das Meer dazwischen überqueren konnte.

Times mager

Alexander Humboldt, der Weltreisende, trat lange auf der Stelle

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Alexander von Humboldt zog es immerzu heraus aus Europa - doch Politik und Kriege kamen ihm in die Quere. Und dann war da ja auch noch seine Mutter. Die Feuilleton-Kolumne.

Wieder einmal die Sache ansprechend, reichte es nicht, sie nur einmal anzusprechen. Wie also konnte es am besten betont werden, wenn nicht durch fortwährende Wiederholung auf nur zwei, fünf, acht Seiten, rückblickend, in seinen autobiographischen Skizzen. Immer wieder kam er auf das Thema zurück, Europa verlassen zu müssen, unbedingt.

Man könnte in dem ständigen Gedanken so etwas wie einen ständigen Begleiter erkennen, so lange sich Alexander von Humboldt in Europa aufhielt. Doch allein weil er „ein zu guter Sohn war, um an die Verwirklichung zu Lebzeiten meiner Mutter zu denken“, stellte er den Entschluss zurück, was für den Begleiter hieß, dass der junge Humboldt ihn weiterhin an seine Seite wusste, seinen Begleiter aber nicht vorangehen ließ, obwohl bereits die Reise nach Holland, England, Frankreich ihn enorm inspiriert hatte. Humboldt war gerade zwanzig Jahre alt, da sah der aus dem märkischen Sand stammende Reisende von Ostende aus erstmals das Meer: „Und ich erinnere mich, dass dieser Anblick den allergrößten Eindruck auf mich machte.“

Denn für Humboldt geht es hinterm Horizont weiter: „Ich sah weniger das Wasser als die Länder, zu denen mich dieses Element eines Tages tragen wollte.“ So sehr er im Wasser ein Element erkennt, das er eines Tages tatsächlich auf viele Bestandteile hin untersuchen wird, denn der Ozean bietet für ihn ein enormes Betätigungsfeld (gewitzte Zeitgenossen Humboldts sprechen von einem Meer an Betätigungsmöglichkeiten), so weiß er doch nicht, „wie es anzustellen“ sei, Europa zu verlassen.

Humboldt setzt irgendwann auf die Politik, aber gerade die Politik behindert den politischen Kopf ständig. Nicht nur die Politik, eine progressive Politik ist dafür verantwortlich, was Humboldt an Widrigkeiten erfährt. Es ist das politische Europa, das ihn festnagelt, die Neuordnung Europas durch Napoleon, und die geschieht durch Kriege und Scharmützel auf diplomatischem Parkett. Kriege kommen dem Ausreisewilligen in die Quere. Ausgerechnet auf dem Parkett am spanischen Hofe ist er, dem Standesdünkel eher widerwärtig sind, erfolgreich, endlich.

Aus der Gelegenheit, die ihm erst der reaktionäre spanische Hof bietet, wird Alexander von Humboldt das Beste machen. Das war nicht abzusehen, einmal mehr nicht. Deshalb wird an dieser Stelle erneut darauf herumgehampelt, dass der Weltinteressierte lange auf der Stelle trat, jedenfalls für seine Begriffe. Als wäre dieser Zustand bloß ein anderes Wort für Europa.

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