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Alexander Gauland empfiehlt den AfD-Mitgliedern, sie sollten sich, anstatt radikal aufzufallen, auf die Lippen beißen.

Times mager

Ausnahmezustand für die Demokratie: AfD-Chef Gauland spricht bewusst die Rechtsausleger und Scharfmacher an

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AfD-Chef Gauland umwirbt weiterhin Extremisten, ob einen Exponenten wie Björn Höcke oder andere Völkische. Die Feuilleton-Kolumne.

Auch in den letzten 24 Stunden hat kein Deutschlandtrend oder Politbarometer Aufschluss darüber geben können, wie viele Deutsche in den letzten Tagen mit blutigem Mund herumgelaufen sind. Wo doch der AfD- Parteichef Gauland empfohlen hatte, Mitglieder sollten sich, anstatt radikal aufzufallen, auf die Lippen beißen. Zur Strategie der Partei gehört das Verschlagene ebenso wie das Verlogene. Beides unterliegt der Vertuschung und Verschleierung.

Aufschlussreich auch Gaulands Satz, die AfD sei nicht gegründet worden, um „einen Raum zu schaffen, in dem jeder alles sagen darf.“ Auch dieser Appell ist ja nicht etwa ein Bekenntnis oder Aufruf zur Mäßigung, sondern vielmehr Bestätigung und Eingeständnis, dass in der AfD Kräfte wirken, denen Systemverachtung so wenig fremd ist wie Menschenverachtung.

Aufschlussreich ist obendrein, dass Gauland das Wort Raum verwendete – er hätte ja auch sagen können, in der AfD sei kein Platz, auf dem „jeder alles sagen darf“. Gauland hat nicht von ungefähr das Wort „Raum“ benutzt, um auch hier wiederum die Grenzen des Sagbaren ein wenig weiter zu verschieben. Diese „Grenzverschiebung“ ist in den letzten Tagen unbeachtet geblieben. Sicher, es handelte sich nicht um einen offenkundigen Tabubruch, auch wenn Gauland mit dem von ihm gewählten Wort all den Raumfanatikern entgegenkommt, die in der Partei einen Platz gefunden haben wegen ihrer völkischen Fantasien, für ihr Remake einer „Volk-ohne-Raum“-Ideologie.

Gauland umwirbt weiterhin Extremisten

Durch seine bewusst in den Raum gestellte Bemerkung hat Gauland nicht etwa den Extremismus in seiner Partei eingehegt, vielmehr umhegt und umwirbt er weiterhin Extremisten, ob einen Exponenten wie Björn Höcke oder andere Völkische, die entschieden interessiert sind an einem Bruch mit der Demokratie, einem von ihnen angekündigten politischen Systembruch, dem von ihnen propagierten Kulturbruch mit 68, dem von ihnen avisierten Bruch mit den zivilen Errungenschaften einer offenen Gesellschaft.

Gauland raunt nicht nur von Räumen, er spricht mit solchen Anspielungen ganz bewusst die Rechtsausleger und Scharfmacher an, von denen man, so wie sie heute schon sprechen, annehmen muss, dass sie ihre Menschenverachtung unter solchen von der AfD diktierten Umständen ernst nehmen. Wie rücksichtslos werden Leute von dem Tag an handeln, an dem sie sich nicht mehr auf die Lippen beißen und keine Rücksichten mehr nehmen müssen? Unmissverständlich hat Gaulands Rat zum taktischen Verhalten deutlich gemacht, dass ihm seine Anhänger seine wahren AfD-Absichten von den Lippen ablesen: AfD = Ausnahmezustand für die Demokratie.

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