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Dr. Ina Hartwig ist Literaturredakteurin der Frankfurter Rundschau.
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Dr. Ina Hartwig ist Literaturredakteurin der Frankfurter Rundschau.

Times Mager

Adieu

In fast erschrockener Haltung erklomm Sibylle Lewitscharoff sie die Stufen, um den Preis der Leipziger Buchmesse entgegenzunehmen: Ja, freute sie sich denn gar nicht? Von Ina Hartwig

Von INA HARTWIG

Ihr Haar hatte Sibylle Lewitscharoff klösterlich nach hinten gebunden und den Hals bedeckt mit altertümlichen Spitzen, als sie die Stufen in fast erschrockener Haltung erklomm, um den Preis der Leipziger Buchmesse für ihren Roman "Apostoloff" entgegenzunehmen: Ja, freut sie sich denn gar nicht?, mögen sich nicht nur die Jurymitglieder gefragt haben am vergangenen Donnerstagnachmittag - zumal vor dem Hintergrund des Vorjahres, als Preisträger Clemens Meyer mit seiner ursächsischen spontanen bierflaschenbewehrten Umarm- und Freuorgie Preisgeschichte geschrieben hat: Der trunkene Sieger, ein Bild, das man nicht vergisst.

Die stille Freude dieses Jahrgangs wird sich andere Gedächtnisbilder suchen. Da wäre zum Beispiel die Preisträgerin am späten Abend, wie sie neben ihrem Cousin in den Räumen des Insel Verlags im prächtigen Waldstraßenviertel sitzt - und versichert, doch doch, sie freue sich sehr! Möglich, dass eine so ernsthafte Person wie Sibylle Lewitscharoff, deren Sprachkaskaden aus schwäbisch-pietistischem Urgrund sprudeln, nicht willens ist, die Enttäuschten, die leer ausgegangenen Kollegen, in ihrem Triumph zu vergessen. Es spräche keineswegs gegen sie; es spräche nur für die Insistenz ihres Gewissens.

Der Cousin übrigens spricht im Unterschied zur Preisträgerin Bulgarisch, er lebt erst seit 20 Jahren in Deutschland. "Das ist der Fahrer", so wird er der Gratulantin vorgestellt, und wer "Apostoloff" noch nicht gelesen hat, dem sei gesagt: Nach dem Fahrer ist der Roman betitelt. Ansonsten gilt: Bitte lesen Sie selbst. Dann werden Sie auch bemerken, dass die klösterliche Strenge lediglich auf die derzeitige Mode der Schriftstellerin zurückgeht - unter dem Stoff tobt und brodelt es, und wie. Ihr Vater, der nach dem Krieg nach Stuttgart ausgewanderter Bulgare, der sich eines Tages davon gemacht hat in den selbstgewählten Tod, muss den Groll seiner Tochter glücklicherweise nicht mehr erleben; deren virtuoser Sprachwitz hätte ihn kaum trösten können.

Überhaupt, wer Trost suchte, war fehl am Platz. Wenn Lewitscharoffs Verlag, Suhrkamp, zum Jahreswechsel von Frankfurt nach Berlin zieht, wird auch der Leipziger Sitz des Insel Verlags geschlossen. Wir sahen uns hier also zum letzten Mal. Ach, diese Abschiede.

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