+
Ein jedes Detail gibt dem Ganzen ein Gesicht.

Times mager

Ach, Andrea

  • schließen

Was ein altes weißes Monument mit zwei Betrachtern anstellt. Die Feuilleton-Kolumne.

Alter weißer Mann, mit anderen Worten man selbst, denn wer sollte sonst damit gemeint sein? Man mit seiner Hautfarbe, mit seiner ganzen Identität, mit Hautfalten und Haarfarbe, hört da was zum rechten Ohr hinein, was sich anhört wie alter weißer M… – Moment? Du hörst auf dem Ohr mittlerweile schlechter, sagt sie. Sie: Monument, das waren meine Worte. Er (der Mann): War ganz weit weg, in Gedanken. Sie: Also noch mal alles auf null – altes weißes Monument.

Und ob, so vor vier Augen, mit denen beide betrachten, denn gemeinsam trachten sie nach Einzelheiten des Monuments. Drei Kirchenschiffe, dreifarbig der Marmor, weiß, grau, rosafarben. Welch ein Baukörper, welch eine Architektur, was für ein Marmormonument. Der, die, das. Der Bau, männlich. Die Architektur, weiblich. Aber das Monument, vor dem sie und er aber nicht etwa sachlich verharren, kaum wieder mal in der Gegend, hier, vor S. Andrea, männlich. Andrea, italienisch, ist der aus der christlichen Legende stammende Andreas. Einer der Apostel, Bruder des Simon Petrus. Wurde wahrhaftig nicht alt, starb im Jahr 60 in Patras am Kreuz. Siehe von daher auch das Andreaskreuz. Sie: Hallo, noch da? Er: War ganz weit weg.

Hoch oben am Monument ein Kreuz, unter den kleinen Rundbögen im Giebelfeld, Blendbögen, das ist der richtige Begriff. Darunter eine große Öffnung, die erst im 16. Jahrhundert in die romanische Fassade eingebrochen wurde. Schuf mehr Licht im Innern, minderte die monumentale Wirkung nach außen, wie sie das schmale einbogige Fenster und das einbogige Portal betonen. Er deswegen immer noch hin und weg.

Ein jedes Detail gibt dem Ganzen ein Gesicht. Dazu gehören zwei Fresken überm Eingang, auf der Lünette eine Madonna mit Kind, am Architrav, kaum erkennbar, eine Prozession. Heilige? Männer, keine Madonnen. Die Wasserfarben verschwimmen, das Bild blättert ab, die Tage der Gestalten im Giebelfeld sind im Grunde seit 900 Jahren gezählt. Ließe sich der Prozess beschleunigen? Ohne weiteres ließe sich ein Schild anbringen, mit Hinweis auf Opferstatus und Märtyrertum. Oder deren Instrumentalisierung durch eine machtbewusste Kirche.

Was ließe sich, heute, nicht alles denken! Man könnte eine andere Fassade der alten weißen Fassade vorblenden, im Namen einer antimonumentalen Initiative (AMI). Wo heute doch Verse an Fassaden zum Verschwinden gebracht werden, Kunstwerke, die nicht ins eigene Weltbild passen und zur Weißglut bringen, aus dem Verkehr gezogen werden. Damit kein Missverständnis mehr aufkommt, ließe sich auch ein altes weißes Monument entfernen. Denn wahrlich, man lebt in grauen Zeiten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion