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Abstieg

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Von: Michael Hesse

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Die klassische chinesische Familie besteht aus Mama, Papa, Großeltern und einem Kind. Folge der jahrzehntelangen Ein-Kind-Politik, die nachwirkt.
Die klassische chinesische Familie besteht aus Mama, Papa, Großeltern und einem Kind. Folge der jahrzehntelangen Ein-Kind-Politik, die nachwirkt. © Sakchai Lalit/dpa

In China nimmt erstmals die Zahl der Menschen ab. Mit drastischen Folgen. Die Kolumne „Times mager“.

George Soros gilt als ein Mann, der finster dreinschauen kann. Der Multimilliardär, Philanthrop und Börsenspekulant hatte vor einigen Jahren einen ebenso finsteren Ausblick gegeben, was die Entwicklung der Weltwirtschaft anging. Seiner Meinung nach werde es vor allem ein großes Problem geben: China.

Das Reich der Mitte habe ein Altersproblem, so Soros, was sich auf die ökonomische Stärke des Landes auswirken werde. Zudem sei die negative Rolle der KP nicht zu unterschätzen. Aber vor allem die Ein-Kind-Politik habe China ein riesiges Problem eingebracht, sagte Soros.

Nun ist in China genau der Moment eingetreten, von dem der Börsen-Guru gesprochen hatte. Erstmals schrumpft die Bevölkerung des Riesenreiches. Auch die Lockerung der Ein-Kind-Politik konnte die Wende nicht mehr herbeiführen. Zum sechsten Mal in Folge sank die Zahl der Geburten. In China will kaum jemand viele Kinder, da es kaum zu finanzieren ist. Zudem stieg die Mortalitätsrate an. Im Jahr 2035 werden mehr als 400 Millionen Menschen über 60 Jahre alt sein. Die Folgen werden gravierend sein, denn damit werden die Steuereinnahmen sinken und auch die Einzahlungen in die Rentenkasse zurückgehen. Zudem fehlen Arbeitskräfte.

Da auch das Wirtschaftswachstum das schwächste der letzten vier Jahrzehnte gewesen ist, wächst auch außerhalb Chinas die Sorge, was das für die gesamte Welt bedeuten mag. Gewiss, auch Deutschland hat so seine Abstiegssorgen, die durch den Zustand des Landes begründet sind. Auf die Bahn ist nur in Bezug auf Unpünktlichkeit oder unerwartete Ereignisse Verlass. Die Straßen sind mitunter eine Katastrophe, Autobahnen Dauerbaustellen. Der einstige Kraftprotz in der Mitte Europas steckt wie so oft in seiner Geschichte in einem tiefen Schlaf. Ob das für die europäischen Wirtschaften gut ist, steht auf einem anderen Blatt. Schon vor zwanzig Jahren titelte der „Economist“ über Deutschland: der kranke Mann Europas.

Den Titel könnte schon bald China in Asien übernehmen. Denn es gibt viele ehrgeizige und aufstrebende Staaten, die an Wirtschaftswachstum und an Standortattraktivität China den Rang ablaufen. Vietnam etwa, oder Südkorea, auch Indonesien. Asien ist längst nicht mehr allein China, auch wenn das Reich der Mitte mit seiner mehrtausendjährigen Geschichte einzigartig auf der Welt ist.

Einzigartig können aber auch die Probleme werden, wenn es innerhalb Chinas zu sozialen Spannungen kommt. Die Frage ist, ob diese sich nach außen verlagern. Wie sagte doch der berühmte in Wien aufgewachsene Historiker Eric Hobsbawm einmal: „Wenn China kriselt, dann brändelt es auf der Welt.“

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