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Times mager

Abschweifung

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Keine Vollzeitstelle oder: Keine Familie, kein Sport, kein Skat, kein Alkohol, kein Kino. Wer wirklich viele Bücher lesen will, muss auf vieles verzichten.

Das Durchblättern, also natürlich: Durcharbeiten eines Verlagskataloges ist nicht bloß ein Triumph für das Papier gegenüber der elektronischen Darbietung, welche voraussichtlich abwechselnd zu groß, zu klein oder weg sein wird. Eine Generationenfrage, zweifellos. Das Durchblättern eines Verlagskataloges ist jedoch auch eine Quelle der Freude und Depression.

Freude über all die Möglichkeiten und den Optimismus. Depression über die bittere Rechnung, dass man bei drei Stunden Lesezeit am Tag – was nicht wenig wäre angesichts von Vollzeitstelle, Familie, geschäftlichen Terminen nach 20 Uhr, Sport, Erschöpfung, auswärtigem Amüsierdrang – etwa 120 Seiten am Tag lesen kann, 840 in der Woche, 3780 im Monat, was ganz gut klingt, aber in keinem Verhältnis zu den erwähnten Möglichkeiten steht.

Wer auf dem Laufenden bleiben möchte, wird Thomas Manns Tagebücher nicht lesen können und umgekehrt.

Es ist auch ohnehin zu positiv gerechnet und bedeutet: Keine Vollzeitstelle oder: keine Familie, keine geschäftlichen Termine nach 20 Uhr, kein Sport, kein Alkohol, kein Kino, keine Freunde, kein Kochen mit Freunden, gar kein Kochen, Staubsaugen auch nicht. Und so weiter.

Interessanterweise kann man beim Lesen dafür sehr gut rauchen und Mandelsplitterpralinen essen. Diese Tätigkeiten sind motorisch und inhaltlich perfekt aufeinander abgestimmt. Der elastische Winkel eines Buches lässt es gut in einer Hand ruhen. Motorisch und theoretisch könnte die andere Physikaufgaben lösen.

Zählt wenigstens Doppelkopf?

Genug davon. Schwerer wiegt auf der Depressionsseite die Hoffnung, die so viele Autoren in so wenige Leser setzen, die doch womöglich auch noch einmal in der Woche zum Skat gehen. Davon sollen sie sich nun abhalten lassen, weil der Verlag erklärt: „Dieser Roman öffnet die Augen für die wirklich wichtigen Dinge im Leben.“

Was soll die Skatfreundin dazu sagen. Zählt Skat dazu? Wenigstens Doppelkopf? Denn das Beispiel mit der Skatrunde ist fiktiv bei Personen, die es leider nie geschafft haben, das Reizen zu erlernen, während in glücklichen Zeiten manche Doppelkopfpartie das Tagwerk  abrundete.

Zum Buchlesen gehört aber auch eine hohe Konzentrationsleistung. Zum Buchschreiben erst recht. Allerdings wollte man vielleicht auch nie ein Buch schreiben. Was wiederum daran erinnert, dass man vielleicht auch nie in den Journalismus wollte.

Letzteres teilt man heute mit vielen Jugendlichen, wie nun zu lesen war, die nicht mehr in die Medien wollen, sondern zur Polizei. Es gibt Alternativen, mit denen nicht zu rechnen war.

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