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Theaterabonnenten haben keinen guten Ruf, findet unsere Autorin.

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Theaterabonnenten unter sich: Da ist man nicht immer einig, im Gegenteil.

Im Konzertabonnement war es wieder wunderbar. Alle saßen still und hörten zu. Niemand klatschte zwischen den Sätzen. Und wenn einmal doch, passten die übrigen beim Alle-Vögel-fliegen-hoch gut auf. Die Dame mit der klickernden Handtaschenkette war schon in den Ferien.

Theaterabonnenten haben hingegen keinen sehr guten Ruf. Da jedes Theater sich Theaterabonnenten wünscht und diese auch dringend braucht für gute Nachrichten in der Pressekonferenz und für die regelmäßige Befüllung des Saals, wird darüber selten gesprochen. Auch sprechen vor allem die Theaterabonnenten darüber, das heißt die anderen Theaterabonnenten. Die Theaterabonnenten, die vorher wenigstens noch geschaut haben, was an diesem Abend gezeigt wird, die im Großen und Ganzen aufhören zu sprechen, wenn es dunkel wird (oder wenigstens, wenn die Musik anfängt, oder wenigstens, wenn der Vorhang aufgeht, oder wenigstens, wenn die erste Person auf der Bühne ein Lebenszeichen von sich gibt). Wehe, es ist auf der Bühne vorerst zu still. Dann sagen die Theaterabonnenten bald: oje. Das kann was werden. Jesses nein, jetzt reden die kein Wort. Während die anderen Theaterabonnenten denken (denn sie sprechen, wie erwähnt, nicht mehr, wenn es dunkel ist): oje. Das kann was werden. Jesses nein, jetzt reden sie wieder.

Denn die Schwierigkeiten im allgemein geselligen Kontakt der Theaterabonnenten werden dadurch befeuert, dass man über viele Jahre neben- oder hintereinandersitzen kann. Die erste Abonnementsphase in den Achtzigerjahren ging praktisch im Gequassel und Gekicher einer Clique in Reihe 9 unter. Die Clique in Reihe 9 war ungefähr im Alter der Eltern, denn im Theater zeigt sich durch Kontinuität und Ausschnittshaftigkeit auch mit Wucht der Wechsel der Generationen. Die ganz harte Schule von damals hatte noch den Krieg erlebt, und mancher war 1933 wahlberechtigt gewesen. Man hatte in der Schule bereits einiges gelernt, das die Erzählungen beim Nachmittagstee (Bombennächte, Flucht, Russen), sagen wir mal, sinnvoll ergänzte. Im Theater trugen die Herren Anzug, die Damen weiße Blusen und lange schwarze Röcke, belehrten uns Anfänger scharf, gerieten aber allmählich in die Defensive. Die Clique in Reihe 9 waren bereits die Leute, die sich nichts mehr sagen lassen wollten. Heute sind sie jene, die besonders laut flüstern müssen, weil sie nicht mehr so gut hören. Und die ihr Handy nicht ausknipsen können, wenn es fünf Minuten nach Beginn der Vorstellung erstmals klingelt (nachher ist es dann die Mailbox).

Es ist schwierig, diese Gesamtlage einzuschätzen. Zappelfrei die Klappe zu halten, ist tatsächlich ein gutes Rezept, um von einem Theaterabend viel zu haben.

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