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Die Peterskirche in Rom: finanziert durch einen obszönen Deal.

Times mager

Ablass

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Eine unstrittig komplexe Sache. Ein Geschäftsmodell, aus dem die Kirche ein theologisches Problem machen wollte.

Den Ablass, wie ihn Hans Holbein d. J. vor rund 500 Jahren festhielt, dürfte die Kirche vielleicht nicht gerne gesehen haben. Der Ablasshandel, wie Holbein ihn in einem Holzschnitt zeigte, dürfte der Kirche aber kaum peinlich gewesen sein. Auch wenn das Geschäft, wie es Holbein sich ja nicht einfach ausmalte, auf engem Raum einen schnöden Deal darstellte, den die Nachwelt dann Punkt für Punkt aufgedröselt hat.

Holbeins Raum ist ein gotischer Raum, denn man muss sich vorstellen, dass mit dem Erlös aus dem Ablass der Neubau der Peterskirche in Rom finanziert werden sollte. In gewisser Weise wurde der Teilerlös aus dem Ablass nicht zuletzt für eine Ablösung von der Gotik geschickt genutzt – ein immer wieder vernachlässigtes Detail in einem Gesamtpaket, mit dem so etwas wie eine Koalition eingegangen wurde zwischen dem Papst und dem Erzbischof von Magdeburg, Albrecht von Brandenburg, der, entgegen dem geltenden Kirchenrecht, 1514 auch die Bischofswürde von Mainz erworben hatte. Nun, um von Rom aus darüber hinwegsehen zu können, war von Norden aus Richtung Süden eine hohe Gebühr fällig, die auf dem Weg dorthin, in Augsburg, durch das Bankhaus Fugger zwischenfinanziert wurde. Nur so überhaupt wurde das Geschäft zwischen Main und Rom möglich. Eines, bei dem Teilerlöse Rom erreichten, gewaltige Gewinne aber auch regelrecht in Augsburg hängenblieben.

Ablass? Eine unstrittig komplexe Sache. Ein Geschäftsmodell, aus dem die Kirche ein theologisches Problem machen wollte. Holbein durchschaute bereits das Geschäftsmodell. Er stellte es als ein Wimmelbild dar. Im Zentrum des Gewusels der Papst, von einem Ordensbruder (etwa dem Dominikanerpater Johannes Tetzel?) etwas Schriftliches entgegennehmend. Linker Hand werden Ablassbriefe verfertigt, rechter Hand des Holzschnitts tief gebeugt in eine Truhe gesteckt. Im Betrieb ist kein Teufel auszumachen, aber, über der Schulter eines Gläubigen, der demütig kniet unter der Hand eines Theologen, ein Äffchen.

So machte der Holzschnitt den Betrachter glauben, dass etwas bei der Sündenvergebung richtig schief lief. Oder dass der Ablass eine Scheingewissheit bedeutete. Ja, dem Evangelium selbst widersprach. Aber bei genauerem Hinsehen war es mit dem Holzschnitt so eine Sache wie bei jedem genaueren Hinsehen. Er war womöglich nur für diejenigen eine Offenbarung, die bereits festen Glaubens waren, dass der Ablasshandel wirtschaftlich ein obszöner Deal und theologisch eine fingierte Botschaft (Fake) war.

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