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Winnie aus Becketts „Glückliche Tage“.
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Winnie aus Becketts „Glückliche Tage“.

Times mager

Abläufe

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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In der strapaziösen Festtagsküche ist Eindeutigkeit das oberste Gebot.

Nicht nur mental, auch auf der mechanischen Ebene demonstrieren die Festtage, wie viel in vielen von uns über Generationen, vielleicht Äonen, nein, doch eher Generationen inzwischen vorbestimmt und festgelegt ist. Anders lässt sich kaum erklären, weshalb nur blaue Kugeln aus einem Baum einen wahrhaftigen Weihnachtsbaum machen und die durchsichtigen und notfalls noch die silbernen Kugeln erst aufgehängt werden können, wenn noch die allerletzte dunkel-, hell-, tauben-, türkisblaue Kugel ihren Platz gefunden hat. Oder weshalb erst die Butterplätzchen, dann die Vanillekipferl, dann das Spritzgebäck, dann die Zimtsterne und Makronen gebacken werden. Oder weshalb in den Kartoffelsalat nach den Kartoffeln die Zwiebeln, Tomaten, Gewürzgurken, Äpfel und zuletzt die Eier kommen. Obwohl sich in solchen Abfolgen – denken Sie an die Langweiligkeit von silbernen im Verhältnis zu blauen Kugeln, an Eigelb/Eiweiß-Anteile in verschiedenen Gebäcksorten oder an die Empfindlichkeit von geschälten Äpfeln – auch Sinn und Verstand zeigen, so ist Folgendes nun doch pure Magie: Die Zubereitung des zentralen Festessens kann erst erfolgreich verlaufen, wenn das handgeschriebene Rezept auf dem Küchentisch liegt. Handgeschrieben von der Mutter, zweifellos diktiert von der kundigen Großmutter. Die Informationen dabei eher Rüstzeug als detailliert. „Kann bis sie knusprig und fertig ist bis 3-3 1/2 Stunden dauern.“ Das sind Sätze, die das Leben schreibt, das nämlich genau weiß, wie wichtig es ist, hier das Wort „fertig“ nachzuschieben. Ist das, was knusprig ist, auch fertig? Eindeutigkeit ist das oberste Gebot in der Festtagsküche.

Nein, etwas Wesentliches und Ernsthaftes wurde an diesem Satz von keiner Leserin und keinem Leser je vermisst. Und er wurde und wird beständig gelesen, zur Orientierung und Ermutigung in bangen Stunden, denn ein zentrales Festessen bringt massive Verpflichtungen mit sich, egal wie viele Personen daran teilnehmen. Gelesen wurde der Satz zu dritt, zu zweit und alleine. Dass alle Dinge irgendwann auf immer zu Ende gehen, weniges erinnert daran so freundlich und unverhohlen wie die festtäglichen Abläufe.

Unerwartet hingegen, dass sich in diesem Jahr auch das Rezept für den Kartoffelsalat wiederfand, wenige Zettel weiter unten, in denen nach 3 1/2 Stunden (weder knusprig noch fertig) nervös gegrabbelt wurde. Das handgeschriebene Kartoffelsalatrezept liest sich präziser als das, was längst in die Sphäre automatisierter Abläufe übergegangen ist. Ach, sieh an, da gibt es auch ein Rezept für? Ach, sieht an, das Rezept geht anders als in Wirklichkeit? Die Größe von Gewürzgurken scheint sich in den vergangenen Jahrzehnten zudem erheblich verändert zu haben.

Beim Sinnieren an Weihnachten erscheint übrigens Winnie aus Becketts „Glückliche Tage“ immer als hyperrealistische Figur.

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