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Abgang

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Von: Michael Hesse

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Spektakulär verschwand Bilbo Beutlin (rechts, gespielt vom inzwischen verstorbenen Ian Holm) in „Herr der Ringe“. Andere Abgänge gehen spektakulär daneben.
Spektakulär verschwand Bilbo Beutlin (rechts, gespielt vom inzwischen verstorbenen Ian Holm) in „Herr der Ringe“. Andere Abgänge gehen spektakulär daneben. © Mary Evans Picture Library/Imago

Es gibt Abtritte, die uns erstaunen lassen - andere hinterlassen tiefe Nachdenklichkeit. Die Kolumne „Times mager“.

Aus dem Film „Herr der Ringe“ ist die folgende Szene bekannt: Bilbo Beutlin feiert seinen hundertelfzigsten Geburtstag mit großem Pomp und vielen Gästen, um dann kurz nach seiner feierlichen Ansprache unsichtbar zu werden und zur Überraschung aller zu verschwinden. Bekanntlich war es die Macht des Ringes, die ihn den Blicken der aufgeregten Menge entziehen konnte.

Deutlich weniger spektakulär, aber doch einer Erwähnung wert, ist ein weiterer Abtritt, der sich real und in unseren Tagen vollzieht: Der Verleger Peter Moser gibt sein Herzensprojekt „information philosophie“ ausgerechnet im 50. Erscheinungsjahr auf und zieht sich fortan aufs Altenteil zurück. Gewiss, der Titel wird vielen Leserinnen und Lesern nichts sagen, es sei denn, sie haben sich irgendwann in ihrem Leben an einer Hochschule mit dem Fach Philosophie beschäftigt. Da nämlich wurde man bereits als Erstsemester auf die alle zwei Monate erscheinenden Heftchen aufmerksam gemacht und fand sie bisweilen ausliegend neben anderen Büchern auf besonderen Tagungen. Das Heftchen atmete noch die Luft der Pro- und Hauptseminare, und war widerständig gegen jede Art der Hochglanz-Philosophie, wie sie heute in Magazinen betrieben wird. Das Heft hingegen hatte etwas Unzeitgemäßes, und darin bestand sein besonderer Reiz.

So wie Bilbo mit seinem Abtritt Erstaunen hervorrief, hinterlässt uns der Jubilar Moser in tiefer Nachdenklichkeit. In seinem Editorial beklagt er eine Entwicklung der Philosophie, die jener der Naturwissenschaften ähnele, in denen nur das „Paper“, der Fachartikel, das eigene karrieremäßige Fortkommen ermögliche. Die Buchpublikationen hingegen seien unter den Denkerinnen und Denkern fast zum Erliegen gekommen. Das habe der deutschen Öffentlichkeit dann (Moser nennt keine Namen) Publizisten wie Richard David Precht und Co. beschert, da das Interesse an der Weltweisheitslehre nach wie vor gegeben sei.

Gefeiert wurde dennoch. In der Schlussausgabe versammelt sich noch einmal die alt-bekannte akademische Philosophen-Schar. Zu finden waren: Bernhard Waldenfels, Carl Friedrich Gethmann, Theo Kobusch, Rainer Enskat, kurz, große Namen, die man kennt. Aber so weit man die Liste des Inhaltsverzeichnis durchgeht, man findet einfach keine Frau, keine Philosophin, Denkerin. In den sozialen Medien war gleich die Rede von einem Skandal. Gut, dass diese Publikation künftig nicht mehr erscheine, hieß es. Andere wollten das nicht so stehen lassen.

Wie auch immer. Der Abgang war spektakulär daneben geraten. Schade um das Heft, Herrn Moser und die gute Sache der Philosophie.

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