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Der Kleinasien-Reisenden Heinrich Schliemann.

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Abenteuerlich

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Über den Kleinasien-Reisenden Heinrich Schliemann und einen Streit um Fakten und Fiktionen.

In diesen Wochen vor 150 Jahren ist dem Kleinasien-Reisenden Heinrich Schliemann nicht bange. Das sagt er nicht etwa mal so eben dahin, das hält er schriftlich fest, Homers Heldenepos praktisch immerzu in der Hand, und das nicht nur aus Gründen der Alliteration. Der Ausgräber ist aufgebrochen, denn nie hat er seinen Traum von Troia aufgeben (begraben) wollen, im Gegenteil, furchtlos (nicht bange) geht er vor, Schritt für Schritt, wie er in seinen Beschreibungen festhält, mit Schaufel, Hacke und Korb, trotz „drückender Hitze“, ein „uneigennütziges Ziel im Auge“, von seiner Sache bedingungslos überzeugt, dass es „überall Beweise gebe“, Beweise für Troia, für Homers Troia, sein, Schliemanns Troia. Der Brief an den Vater ist sehr, sehr forsch gehalten.

Allerdings ist der Brief auch durch die Hände von Generationen von Schliemann-Forschern gegangen, die den Satz sehr, sehr abgeklopft haben auf seinen Wahrheitsgehalt. Drückende Hitze? War wohl so. Enormer Eifer – unbestritten. Überall Beweise? Na ja, überall … Das ist ein weites Feld. An Schaufel und Hacke ist nie gezweifelt worden, nicht an dem Werkzeug, wohl aber an der Art, wie Schliemann es zum Einsatz brachte. Dass der Troia-Besessene tatsächlich „uneigennützig“ gehandelt habe, daran ist am entschiedensten gezweifelt worden, wie ja auch noch an weiteren Details seiner Darstellung: „Indes ist mir nicht bange, da ich überall Beweise gebe und nichts ohne klare Facta behaupte.“

Schliemann war schlau, nicht nur gegenüber seinem Vater, auch gegenüber der traditionellen Archäologie, die es so, als Tradition, noch nicht so lange gab und sich in der Troia-Frage stark an die 1792 veröffentlichte „Beschreibung“ durch einen gewissen Jean Baptiste Le Chevalier hielt. Auch in diesem Fall – bereits in diesem Fall – galt wohl: Fakten, Fakten, Fakten. Für Schliemann allerdings waren sie Fiktionen pur.

Der erbitterte Streit um Fakten und Fiktionen ist also keineswegs eine Erfindung der letzten zwei bis zweieinhalb Jahre. Es wird vielleicht häufig so dargestellt, aber so ist es nicht. Die Fiktion ist schon seit langem nicht realitätsfremd – denn hätte sonst ein Homer von einem Ort erzählt, an dem ein Achill und ein Hektor aufeinandertrafen, nicht nur diese beiden, aber diese beiden Helden so unerfreulich wie nachhaltig.

Heinrich Schliemann las seinen Homer, wie er oft betonte, 1:1, wortwörtlich, er betrachtete ihn als sein „Evangelium“. Der Homer war sein Buch der Bücher. Mit ihm in der Hand machte er sich schlau, dieser Heinrich Schliemann, der mehr als nur ein Schlawiner war. Eine abenteuerliche Alliteration? Als ein aggressiver Ausgräber tat er allerdings viel für eine solche Assoziation.

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