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3,5 Millionen Ziegelsteine, 531 Fenster, 3000 Bildhauerstücke aus Sandstein, 20.000 Tonnen Stahl: Das Berliner Stadtschloss.

Times mager

615,5 Millionen Euro für das Berliner Stadtschloss

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In Berlin ist die Camouflage in der schönsten Ordnung: Im Königreich Deutschland ist das Staatsschloss zu sich selbst gekommen. Die Feuilleton-Kolumne.

Wir gehen auf Berlins Mitte zu, Berlin-Mitte. Wir tun es jetzt mal nicht praktisch, wir gehen anders vor, gedanklich. Dazu schauen wir kurz zurück.

Berlins Mitte wurde von der Residenz der Hohenzollern beherrscht. Zur Residenz gehörten 1210 Räume, einer davon war das Schlafzimmer der Prinzessin Marianne von Preußen. Siehe das Foto links, sagt die um Rekonstruktion bemühte TV-Zeitschrift. Der Blick wandert über eine Doppelseite, den Berliner Dom, den Fernsehturm, das Stadtschloss in seiner nicht historischen Gestalt, sondern seiner nagelneuen. Zur Beschäftigung mit dem „Jahrtausend-Bauwerk“ gehört, dass der Betrachter darauf vorbereitet wird, dass er sich damit abfinden muss, dass nicht alle Räume des im Dezember 1950 von der DDR-Führung gesprengten Schlosses wiederhergestellt werden konnten – Kostengründe. Deshalb eine konzeptionelle Neugestaltung, weiß die Programmzeitschrift.

Verbaut wurden 3,5 Millionen Ziegelsteine

Die Gesamtkosten sollen 615,5 Millionen Euro betragen. Wie so vieles heute ist auch das ganz und gar unfassbar. Was unfassbar ist, möchte man eigentlich kaum glauben. Das Unfassbare ist das, wogegen sich der Verstand sträubt. Um wenigstens eine Vorstellung von der Lage zu bekommen, listet die Programmzeitschrift das „Schloss in Zahlen“ auf. Verbaut wurden 3,5 Millionen Ziegelsteine. Das Stadtschloss wird über 531 Fenster verfügen, 24 Aufzüge, sechs Rolltreppen (kein Prinzessinnenschlafgemach), 47 preußische Wappentiere über den Fensterportalen, Adler also, sowie ein Ansehen, das „Historiker in einem Atemzug mit Louvre und Petersdom“ nennen.

Beschleunigte Atmung, ja, sie trat häufig dann auf, sobald das Gespräch auf die Rekonstruktion eines Stadtschlosses kam, mit dem sich Staat machen lasse. Zu diesem Zweck wurden 9000 m² Sandstein und 100.000 m³ Beton verbaut. Der Aufwand, die Dinge zu verkleiden, ist enorm. Ist er unfassbar? Das „Schloss in Zahlen“ muss man sich so vorstellen, dass es aus 3000 Bildhauerstücken aus Sandstein besteht und 20.000 Tonnen Stahl.

Lesen Sie hier das Times mager zu Schlupfliedern

Schlosswechsel, Szenenwechsel. Unvergessen der Ausruf des Königs Peter, der, wo auch immer heute Georg Büchners Lustspiel „Leonce und Lena“ über die Bühne geht, im Ankleidezimmer (Schlafzimmer?) seines Schlosses darüber schwadroniert, wie sehr die „Kategorien“ in seinem Königreich Popo in eine „schändliche Verwirrung“ geraten seien. Den Gedanken des verwirrten König Peter könnte man aufmöbeln (rekonstruieren) und sagen, in Berlin ist die Camouflage in der schönsten Ordnung. Im Königreich Deutschland, wie verwirrend diese Kategorie auch immer wirken mag, ist das Staatsschloss an und für sich zu sich selbst gekommen.

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