Goethe und sein geschätzter Freund Friedrich Schiller.
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Goethe und sein geschätzter Freund Friedrich Schiller.

TIMES MAGER

271

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Von Fäusten, zweierlei Toren, Freundschaft und einem 271. Geburtstag.

Faust hatte es jedenfalls leichter als Wilhelm Tell. Schließlich stand man schon damals ständig als armer Tor irgendwo und begriff als braves hessisches Kind auch nicht, warum die Lehrerin mit den Augen rollte, wenn Anja sagte, Sven habe viel weniger gelernt als wie sie. Später fingen die meisten dann auch an, anders zu sprechen wie noch in der Schule, aber das war immer noch nicht richtig (aber früh übt sich, was ein Meister werden will).

Wilhelm Tell hingegen brachte die Klasse zum Lachen, und das nicht nur, als er erklärte, die Axt im Haus erspare den Zimmermann. Das ganze Stück war ja wie eine Aneinanderreihung sämtlicher väterlicher sowie großväterlicher Redewendungen, und dass der Autor sie sich selbst ausgedacht hatte, überschritt völlig den Horizont. Zudem ersparte eine Axt im Haus längst nicht mehr den Zimmermann, sondern hatte in einer 3ZKB wenig zu suchen. Die meisten konnten damit nichts anderes verbinden als den wahnsinnig durch die Gänge marodierenden Jack Nicholson.

Kurios, dass in beiden Zitaten ein Tor vorkommt, denn ein solches ist es, an dem Wilhelm Tell soeben mit der Axt gearbeitet hat, freilich um es auf Jahr und Tag haltbar zu machen, nicht um es zum Beispiel kaputtzuhauen (an dieser Stelle kann man sagen, dass schon der Name Faust Pubertierenden mit mehr Schwung entgegenkommt). Der Klasse in einer großen, engen Stadt war schwer zu vermitteln, dass sich an einem Haus ein Tor befand, auch musste der andere Tor erst als Dummkopf identifiziert werden. Das Wort Dummkopf kannten Schülerinnen und Schüler dafür sehr gut, sie hörten es jeden Tag. Sie selbst kannten ferner den „Mächtigen Thor“, aber das tat nichts zur Sache. Ein großes Problem, dass man in der Schule so oft Dinge weiß, die nicht abgefragt werden.

Dass Goethe am Ende besser gealtert ist als sein kluger und geschätzter Freund Friedrich Schiller, war seinerzeit absolut nicht abzusehen. Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit. Und es ist nicht nur Pietät, wenn viele Menschen zusammenzucken, sobald der „Faust“ womöglich aus den Lehrplänen für die Oberstufe genommen wird. Und es ist nicht nur Verschrobenheit, wenn es einen erfreut, dass die dpa bei der letzten Aufregung darauf hinweisen konnte: In den meisten Bundesländern sei das nicht der Fall. Hier rührt sich kurzum nicht vergangenes Bildungsbürgertum, sondern das Staunen darüber, dass im „Faust“ das meiste schon vorkommt, was man sich dann mühsam zusammenklaubt über Männer und Frauen, Teufel und Streber, den Einzelnen und die Herde, die Religion, die Liebe, den Riesenfehler. Natürlich lässt sich das auch anders erfahren. Jede Straße führt ans Ende der Welt.

Für den heutigen 271. Geburtstag kündigt das Frankfurter Goethehaus Blumenschmuck und Extraführungen an. Einfach hingehen. Wer gar zu viel bedenkt, wird wenig leisten.

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