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Goethe bekam zum 64. Geburtstag eine Kartoffeltorte. Man kann sich seine Geschenke eben meist nicht aussuchen.

Times mager

Zum 268.

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Goethes Geburtstag, auch in diesem Jahr nicht ohne Kartoffeltorte, Geselligkeit und Irrtümer.

Zu den Herausforderungen für Menschen, die sehr schlecht im Rechnen sind, gehört es, im Vorfeld eines 28. August zu ermitteln, wie alt Johann Wolfgang von Goethe im betreffenden Jahr geworden wäre. Erschwert wird das unter Umständen dadurch, dass diese an und für sich wirklich überschaubare Rechnung nicht von Fachkräften durchgeführt wird, jenen, die späterhin Goethe vorwarfen, er verstehe nichts von „höherer Rechenkunst“. Stattdessen versuchen sich daran meist solche Zeitgenossen, die in Goethes optischen Versuchen nicht den Amateur-forscher, sondern das Universalgenie am Werke sehen.

Jedenfalls erreichen uns, wir nennen keine Namen, in diesem August Einladungen zu Feiern in verschiedenen deutschen Regionen, die aus Anlass des 267., 268. sowie 269. Geburtstags Jung und Alt einladen, oder jung und alt (Orthografie interessierte Goethe nicht, anders als Schönschrift). Für das leibliche Wohl ist in den meisten Fällen gesorgt. So wurde in Osnabrück vorgefeiert, unter anderem mit einer Kartoffeltorte, wie sie Goethe bereits zum 64. Geburtstag gereicht wurde: eine Spezialität, die ihn seither verfolgt wie der Paprikakäse den Heinrich Fähmel in Bölls „Billard um halbzehn“. Freilich muss Fähmel, im Roman gefangen, den Paprikakäse aus Imagegründen permanent selbst essen, wohingegen Goethe bloß Hobbybäcker mit Stolz erfüllt, die heutzutage ihr Rezept veröffentlichen. Für 12 Personen enthält eine Kartoffeltorte 7 Eigelb, 250 Gramm Zucker, Saft u. Schale von 1 unbehandelten Zitrone, 100 Gramm gehobelte Mandeln, 500 Gramm geriebene Kartoffeln und 7 steif geschlagene Eiweiß, was klärt, dass es sich nicht um ein herzhaftes Produkt handelt, wie Laien-Kartoffeltortenesser hätten annehmen könnten.

An dem Ort, an dem am Samstag mit fast einem Jahr Verspätung der 267. Geburtstag gefeiert wurde, fand sich übrigens der Dichter persönlich ein. Was, wie? Natürlich war es ein kostümierter Wanderleiter, der Anekdoten, Zitate und Überraschungen parat hatte. Auch die Aktivitäten auf dem Goethe-Weinfest, wo heute ganz Weimar dem Geburtstagskind zuprostet, oder auf dem Fährschiff Waldshut-Tiengen, wo sich Freunde von Literatur, Musik und anregender Geselligkeit einfinden, vermitteln eine Volkstümlichkeit, mit der Goethe, der sich weiß Gott gerne und herzensgut feiern ließ, besser zurande kam als unsereiner. Am Kartoffeltorten-Geburtstag 1813 schrieb er aus Ilmenau: „Und so war unerwartet ein sehr artiges, mannigfaltiges, wohlgemeintes, ja rührendes Fest entstanden, wo ich im Sürtout und ohne Halsbinde figurirte. So viel für dießmal.“ So viel für diesmal.

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