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Friedensbruch in der Provinz: 1517 setzte Martin Luther seine 95 Thesen in die Welt

Times mager

1517

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Ein Rückblick in das Jahr 1517 eröffnet Horizonte: Vieles wurde vor 500 Jahren in Bewegung gesetzt, das bis heute nachwirkt.

Der Zeitgenosse ist eher unwillig, die Gegenwart mit ihren Widrigkeiten, Gefahren und Ungewissheiten zu relativieren – aber ein Rückblick in die Zeitferne von 1517 eröffnet Horizonte.

Kam es doch am 31. Oktober in einer Stadt an der Elbe, in Wittenberg, zu einer Protestaktion gegen den Glauben und die Politik, wie sie vom Papst verbreitet wurde. Es war ein Friedensbruch in der Provinz, an den „Grenzen der Zivilisation“, wie der Augustinermönch Martin Luther die Weltferne nannte, in der er seine 95 Thesen in die Welt setzte, bei der es nicht blieb, weil diese im selben Jahr, 1517, von Lissabon und von Sevilla aus zusammengespannt wurde.

Im März, erneut angelandet in der Neuen Welt, standen die Spanier in Yucatán vor den Errungenschaften der amerikanischen Hochkulturen – und nicht etwa brav staunend, sondern als brutale Eroberer. Im selben Jahr griffen die Portugiesen, noch waren sie die Großmacht auf den Weltmeeren, in eine andere Raumferne aus und sahen sich in China mit einer hochkomplexen Kultur konfrontiert. Bei allem Expansionsdrang wurden Europa die Grenzen seiner Zivilisation aufgezeigt, als der osmanische Sultan Selim die Mamlukenhauptstadt Kairo eroberte und mit seinem Kalifat die religiöse und geostrategische Hegemonie der Osmanen über die islamische Welt brutal begründete.

1517 wurde zum Epochenjahr der Frontstellung zwischen einem exzessiv sendungsbewussten Islam und einem nicht anders orientierten Christentum. In Kastilien wurde 1517 zugunsten des Habsburgers Karl eine Herrschernachfolge angebahnt, die ein Weltreich begründete, in dem das alte Rom weiterhin enorm viel galt. Zugleich machten Kontakte, die Mitteleuropa im Laufe des Jahres mit Iwan III. aufnahm, klar, dass der Moskowiter Großfürst Brüskierendes beanspruchte. Zum einen das Erbe von Byzanz, das an die Osmanen gefallen war. Obendrein erklärte er sich selbst zum Zaren (Kaiser) sowie Moskau zum dritten Rom.

Nicht eine jede Nachricht wird bis nach Wittenberg gedrungen sein. Doch auch in der Peripherie waren die Berichte so umtriebig wie die Gerüchte. Fakten schufen der Groll der Bauern im Südwesten sowie der Hass verarmter Ritter auf die Realpolitik der Fürsten. 1517 wurde nicht nur zum religiösen Datum. Vieles wurde in Bewegung gesetzt, Anstalten wurden gemacht, dem Frühkapitalismus zum Durchbruch zu verhelfen.

Vor 500 Jahren stand das Reich am Beginn einer politischen, bürokratischen und kulturellen Modernisierung. Was sich Bahn brach, führte in einen heiklen Schwebezustand. In eine neue Welt aus Verunsicherung und Ungewissheit.

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