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Auch nächtliche Taschenkalenderblättereien können nicht rekonstruieren, wie oft man im Theater war.

Times Mager

Das 1000. Mal

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Im Theater getroffen: Ein sehr gut angezogener Herr bei seinem tausendsten Opernbesuch.

Im Theater am Dienstagabend – zur Eröffnung der Maifestspiele in Wiesbaden, die in diesem Jahr aber gewissermaßen mit einem Zweiteiler beginnen, darum erst morgen mehr dazu – ein sehr gut angezogener Herr bei seinem tausendsten Opernbesuch. Ein bemerkenswerter Umstand, nicht nur weil die Oper lebt und ewig leben möge, sondern auch, weil der kluge Mann eine Dokumentation führen muss, die ihm das Mitzählen bis zu diesem schönen Jubiläum ermöglicht hat. Es mag einem im Anschluss an eine solche Begegnung neidig ums Herz werden. Aber auch nächtliche Taschenkalenderblättereien können nicht rekonstruieren, was dieser vernünftige Mensch über Jahrzehnte notiert hat. Wer aus verzweifelten Stimmungen heraus irgendwann kistenweise Programmhefte entsorgt hat, muss sich angesichts dieser Sorgfalt fragen, ob es nicht wenigstens möglich gewesen wäre, die Eintrittskarten aufzuheben.

Die Zahl Tausend selbst ist ohnehin imposant, bei hundert Opernbesuchen im Jahr (krassomat) wäre man in zehn Jahren so weit. Bei fünfzig in zwanzig. Bei dreißig Jahren wirkt die Aufgabe allmählich lösbar. Ja, die Zahl Tausend ist imposant, aber da geht noch mehr. Kommen wir also auf den konsequentesten aller uns bekannten Opernzuschauer zu sprechen, Andrea Geminiano Aria Archangelo Leone Gritti. „Der Marchese war neunundzwanzigtausenddreihundertundsiebenundachtzigmal im Theater gewesen, hatte neunhunderteinundsiebzig verschiedene Werke gehört, doch nur sieben davon Schau- und Lustspiele“, informiert der allwissende Erzähler in Franz Werfels „Verdi. Roman der Oper“.

Das heißt, dass der Marchese mehr als achtzig Jahre lang jeden Abend in der Oper war. Allein sein hohes Alter, 101 (er selbst behauptet, er sei 104), macht das überhaupt menschenmöglich, dazu kamen einst Opernhäuser, die knallhart durchspielten (denn dafür fehlte der regionale Schienenverkehr, um blitzschnell ins nächste Theater zu gelangen). Beachten Sie aber bitte andererseits die wiederum verhältnismäßig niedrige Zahl der Werke.

Enttäuschenderweise vermittelt Werfel ferner den Eindruck, dass der Marchese – sagen wir es offen: In der hier zu Rede stehenden Frage ein Vorbild schon seit langer Zeit – ein völliger Trottel ist. Interessant sein Äußeres, „die Züge hatten etwas Gleichgültiges, Wesenloses, jenseits von Alter und Jugend, Leben und Nichtleben, etwas gar nicht Vorhandenes“. So sieht man also aus, wenn man achtzig Jahre lang immer nur zugeschaut hat.

Insgesamt ist der Marchese Gritti der schlagende Beweis dafür, dass Oper uns nicht notwendigerweise klüger macht, aber äußerst gesund ist.

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