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War auch stets unter Beobachtung: Schimanski (Götz George) und sein Duisburg.

Times mager

Wir sind Tatort

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Mobbing einer ganzen Stadt - oder Marketing für eine Stadt wie Dortmund? Hauptsache, der Tatort wandert nicht ab.

„Wir sind Fußball“, sprach der Dortmunder Oberbürgermeister Ullrich Sierau im April 2012, und man darf wohl sagen, dass diese überaus treffliche Bemerkung zur Deutschen Meisterschaft des BVB allen Dortmundern, wo auch immer sie die OB-Botschaft weltweit erreichte, äußerst sympathisch war. Ein Satz wie die ganze Saison, bärenstark.

Allerdings war er doch nicht so ganz ohne. Denn wer ist schon „wir“? Eine verführerische Sache, verleitet zu einem nicht nur realistischen Identitätsgefühl, sondern zur Fiktion einer Überidentifikation. Sicher, als Repräsentant einer Stadt darf ein Oberbürgermeister im Namen der Kommune sprechen. Als Repräsentant sollte er allerdings auch so gut beraten sein und zwischen Fiktion und Wirklichkeit unterscheiden können, auch wenn die Fiktion schwer erträglich ist – die Tatort-Fiktion, die Geschichten, die der Dortmunder Tatort so schreibt. Oft Banane, stimmt schon.

Der Ruhrgebiets-Tatort hatte es immer schon schwer. Bereits in der Tatort-Ära Schimanski sah eine ganze Stadt, damals Duisburg, sehr genau hin, ob denn das, was man vorgesetzt bekam, tatsächlich der Realität und dem Ruhrgebiet entsprach. Am Montagmorgen schaute dann eine ganze Stadt in den Schmuddelecken und Hinterhöfen Duisburgs nach, stritt ab, dass es für den Rest der Republik nur so eine Freude war. Spott und Häme über Duisburg.

Überhaupt die Geschichte. Als wolle der Dortmunder Oberbürgermeister an die jüngere Vergangenheit anknüpfen, musste er seine frühere Aussage, dass ein Tatort die Stadt „adele“, revidieren. Nur so, auf Grundlage einer Totalrevision wird verständlich, wenn Sierau plötzlich meinte: „Was sich in vorherigen Folgen schon angedeutet hat, lässt sich nach der Folge von Sonntag nur als fortwährendes Mobbing gegenüber einer Stadt, einer Region sowie den dort lebenden Menschen bezeichnen.“ Mobbing! Oder meinte Sierau fehlendes Marketing, wie inzwischen vermutet wurde. Der Tatort als Marketingfaktor? Eine kriminelle Fiktion.

Anfang der letzten Woche war an dieser Stelle davon die Rede, dass vor 60 Jahren Essens Oberbürgermeister gegen Heinrich Bölls realistische Darstellung des Ruhrgebiets vorgegangen war. Damals, 1959, lautete der Vorwurf: „Diskriminierung des ganzen Reviers“! Die Dinge wiederholen sich. Man sollte die Äußerung des Dortmunder Oberbürgermeisters nicht überbewerten, aber den Tatort auch nicht.

Ernst wird es erst, wenn die Wutbürgerrede Sieraus wirklich dafür gesorgt hätte, dass der WDR den Tatortstandort Dortmund einstellt – und ein Tatortteam in Schalke Realität werden ließe. Die sind Tatort? Ist schon als Fiktion echt hart.

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