Anne Jung und Gustavo Gomes im neuen Stück von Jacopo Godanis.
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Anne Jung und Gustavo Gomes im neuen Stück von Jacopo Godanis.

Dresden Frankfurt Dance Company

Tierkopfwesen schauen zu

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Die Dresden Frankfurt Dance Company mit Jacopo Godanis kühl poliertem "Extinction of a Minor Species".

Eine mit Körpern belebte Installation kann vor Beginn des Tanzstücks betrachtet werden: Studentinnen und Studenten der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst sind in mannshohen schwarzen Kästen gefangen, deren Vorderseite ist mit matter, weichzeichnender Folie bespannt. Nur wenn die Performer die Plastikfolie mit einem Teil ihres Körpers – und sei es die Nasenspitze, sei es der Scheitel – berühren, sieht man diesen Teil scharf. Entfernung von der Kunststoff-Membran lässt die Körper wie im Nebel verschwinden. Fast abstrakte, haut- und haarfarbene Gemälde entstehen.

Der Choreograf Jacopo Godani und seine Dresden Frankfurt Dance Company bespielen bis zum 13. Mai wieder einmal das Bockenheimer Depot.

Das 70-minütige Stück „Extinction of a Minor Species“ (Aussterben einer unbedeutenden Spezies), zu dem die Installation gehört, hatte jetzt in Frankfurt Uraufführung und wird nach Dresden weiterwandern. Wie die anderen, seit der Spielzeit 2015/16 für Frankfurt und Dresden entstandenen Choreografien ist „Extinction“ aus einem Guss: Jacopo Godani zeichnet auch für Licht, Bühne, Kostüme verantwortlich.

Vielmehr steht im Programmheft „Kostümdesign“ – und minutiös designed, optisch in jeder Hinsicht getrimmt sind Godanis Stücke allemal. Er liebt zum einen krasse Lichtverhältnisse und Düsternis – da ist er unter den jüngeren Choreografen bei weitem nicht der einzige –, zum anderen stellt er einen fast pausenlos in sich kreiselnden Tanz offensiv aus. Das feine Ensemble schraubt, biegt, windet, wellt Gliedmaßen und Körpermitte, besticht durch Geschmeidig- und Leichtigkeit. Alles ist im Fluss. Manchmal ballen sich die Körper auch und teilen sich wieder wie Kleinstlebewesen unterm Mikroskop. Selbst der gelegentliche Einsatz von Spitzenschuhen wirkt hier nicht zackig, sondern eher als neutrales Element. Mit durchsichtigen Kopfhauben anmutend wie Vögel – Flamingos? – stakst einmal eine Frauengruppe herein.

Es bleibt aber offen, welche unbedeutende Spezies hier am Aussterben ist. Es könnte der Mensch sein oder irgendein mythisches Zwitter. Immer wieder tragen Tänzer schwarze Latex-Tiermasken – etwa Schwein, Katze, Pferd –, immer wieder bricht auch in den Bewegungen Animalisches durch. Freilich nicht im Sinn von Ungebärdigkeit und Rauheit, Godanis Tanzsprache ist dekorativ, webt so intrikate wie hübsche Bewegungsfolgen.

Mit Blitzen und tiefem elektronischen Knurren und Grollen (Musik: 48nord, das sind Ulrich Müller und Siegfried Rössert) startet der Abend. Links hängen metallisch glänzende Bahnen, sie werden noch sinken und sich runden, als finde der Tanz vor einer Halfpipe statt. Schick. Rechts stehen Metallgestänge, bisweilen sitzen dort die Tierkopfwesen und schauen zu. Zwei Tänzer tragen Lederkluft, zwei andere raffinierte Stelzen-Prothesen, der Rest nur hautfarbene Slips und Bustiers.

Jacopo Godani hat mit dem Nachfolgeensemble der Forsythe-Company zügig einen charakteristischen, auf Athletik und Rasanz setzenden Stil geschaffen. Er weiß Bilder zu arrangieren, hat Gespür für den Effekt und die dramaturgische Abwechslung. Von Anfang an aber war sein Thema weniger der soziale Mensch, als der genetisch manipulierte, manchmal auch roboter- und maschinenhafte Homo sapiens. Das gibt den Choreografien Oberflächenglanz, aber eben auch eine kühle Poliertheit und die lediglich emsige, richtungslose Bewegtheit eines Perpetuum mobile. Energie ohne Wärme.

Diesmal annonciert Godani eine Zusammenarbeit mit der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung zu deren Jubiläum. Aber man kann wissenschaftliche Erkenntnisse halt nicht tanzen; der theoretische Überbau von „Extinction of a Minor Species“ bleibt darum Behauptung.

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