Unter Tieren

Tieren begegnen, die ihr eigenes Leben leben

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In der Oktoberausgabe ihrer Kolumne „Unter Tieren“ warnt Hilal Sezgin davor, sich die Arbeit auf einem Lebenshof zu schön vorzustellen. Die Kolumne.

Diese Herbsttage sind mir die liebsten im ganzen Jahr. Heute früh war es kalte fünf Grad, doch sobald sich der Morgennebel gelichtet hatte und die Sonne hinterm Wald aufgestiegen war, wärmten sich Garten und Wiesen. Das Licht ist golden, die Schatten sind lang. Auf der Weide zupfen die Schafe das letzte frische Grün, die Gänse haben die Schnäbel zum Dösen unter die Flügel gesteckt.

„Sie leben meinen Traum“, schreiben mir manche Menschen, oder: „Später einmal möchte ich einen Hof wie Sie haben!“ Einen Lebenshof, auf dem Tiere ein möglichst selbstbestimmtes Leben leben können, ohne mutwillig von ihrer Familie getrennt zu werden und ohne einen gewaltsamen Tod im Schlachthof zu erleiden.

Ob wohl diese anderen Menschen ahnen, wie nahe Traum und Albtraum manchmal beieinander liegen? Wie oft nämlich auf einem Lebenshof gekränkelt und auch gestorben wird? Und wie viel Arbeit – profane, sich wiederholende, bisweilen vergebliche Arbeit – hier anfällt? Darum bitte ich Sie: Überlegen Sie vorher genau!

Morgens vor dem Frühstück füttere ich gesondert jede der vier, jeweils an unterschiedlichen Krankheiten leidenden, teils halbwilden Katzen; versorge die Kaninchen, lasse die Gänse aus dem Stall. Verabreiche dem Kamerunbock Tristan Salz, damit er mehr trinkt (Erklärung folgt unten), füttere den fast blinden Christopher und die leukämiekranke Jamina zu. Drei meiner alten Schafe haben Liegewunden auf der Brust, als Verbände haben wir ihnen Leibchen mit Kissen genäht; die muss ich alle zwei Tage wechseln, jedes Mal ein ziemlicher Kampf. Die 17 Jahre alte Schafsoma Ernestine leidet unter Arthrose und braucht Schmerzspritzen, Kaninchen Bosse hat chronischen Schnupfen; vier Mal im Jahr kommt ein Spezial-Tierarzt einen ganzen Tag, um die Zähne der Schafen zu kontrollieren, und andauernd wird irgendwer krank.

Im vergangenen Hitzesommer musste ich mittags einmal zu einem kleinen Einsatz der Freiwilligen Feuerwehr, der Böschungsbrand war bereits aus, als wir ankamen. Doch allein vom Tragen der Einsatzkleidung war ich schweißnass. Ich beschloss, zur Belohnung ins Freibad zu gehen, und tobte mich im Kühlen aus. Als ich abends um acht heimkam, dachte ich genüsslich: „Jetzt noch Heu in die Raufen, Wasser auffüllen, und dann aufs Sofa.“

Bloß dass der gute Tristan auffällig herumlag und, als er aufstand, ganz breitbeinig ging – ich ahnte, warum. Schon einmal hatte Tristan wegen Harnsteinen operiert werden müssen, wieder packte ich ihn in meinen Caddy. Die Landstraßen waren verstopft, als wir in der Klinik in Hannover ankamen, war es 23 Uhr. Die beiden Tierärztinnen operierten sofort bis 2 Uhr, so lange brauchte ich auch für den Heimweg. Denn zwei Mal musste ich am Straßenrand halten und schlief auf dem Fahrersitz ein.

Neulich Vormittags musste ich zum Physiotherapeuten; kurz davor telefonierte ich mit einer Freundin und sagte noch im Scherz: „Na, in den anderthalb Stunden wird ja wohl nichts passieren.“ Ich kam mit massierten Muskeln zurück, und die Gänse waren verschwunden. Sie waren durch ein einziges, kleines Loch im Zaun in den Wald entschlüpft und fanden nicht zurück. Während ich nach ihnen suchte, kam ich am Schafstall vorbei – und da lag ein bis zum Morgen noch quicklebendiges, allerdings sehr altes Schaf tot im Stroh.

Und in einer Viertelstunde sollte die Tierärztin kommen, um einen Durchfallpatienten zu untersuchen. Ich zog Gummistiefel an und suchte und fand die Gänse im Wald; während ich sie vor mir hertrieb, blieb die weibliche Gans im Schlamm eines Grabens stecken. Dadurch konnte ich sie leicht hochnehmen und heimtragen, und der Ganter folgte brav. – Ahnen Sie, wie ich nach dem Tragen der im Schlamm steckenden Gans aussah, als die Tierärztin eintraf? Ja, ich gebe zu, oft genug bemitleide ich mich. Auch Krankwerden und Urlaub sind nicht erlaubt.

Aber dann kommen die Schafe alle im Verbund auf mich zugelaufen und ich berühre so manche samtige Schnauze; der Jungspund Lukas hüpft beim Verteilen des Heus um mich herum; Tristan fällt beim Streicheln in Trance, und die Gänse watscheln beim Heimgehen vor mir her, so charmant schnatternd wie Statler und Waldorf. Gerade wir Tierrechtler sehen so viele ausgebeutete, unglückliche Tiere. Zur Abwechslung Tieren zu begegnen, die ihr eigenes Leben leben, und sie dabei unterstützen zu dürfen, tut auch der Menschenseele wohl, ist ein Geschenk.

Hilal Sezgin, Jahrgang 1970, lebt als freie Autorin in der Lüneburger Heide. Jeweils zu Monatsbeginn schreibt sie an dieser Stelle „Unter Tieren“. Zuletzt erschien ihr Buch „Nichtstun ist keine Lösung. Politische Verantwortung in Zeiten des Umbruchs“ bei DuMont.

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