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Unsere Autorin beklagt die Ignoranz gegenüber Straßenhunden: „Aber wir können auch anders!“

Unter Tieren

Die Tiere revanchieren sich

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„Unter Tieren“: In der Januar-Ausgabe ihrer Kolumne berichtet Hilal Sezgin vom Schicksal eines Straßenhundes namens Nuno.

Mit dem Camping-Bus und ihren zwei Hunden fuhr meine Bekannte Susi kürzlich nach Portugal. Schon vor der Reise war ihr klar, dass ihr auf der Iberischen Halbinsel etliche Straßenhunde und/oder ausgesetzte Jagdhunde begegnen würden, und versuchte sich zu immunisieren, zum Beispiel mit dem Mantra: „Man kann leider nicht allen helfen.“

Soweit die Theorie. Praktisch gesehen, fiel Susi bereits auf dem ersten Campingplatz ein Trio wilder Hunde auf, von denen einer nicht nur besonders stark unterernährt war; sondern er hatte auch Wunden und Schwellungen im Gesicht und konnte das rechte Auge kaum öffnen. Susi begann, die Streuner anzufüttern und unter den Menschen herumzufragen: Ob sich irgendwer für die Hunde zuständig fühle, ob es in der Nähe einen Tierarzt gebe, ob ihr jemand helfen könne, den verletzten Hund einzufangen. Ja, es gab eine Tierklinik, aber die Antwort auf die anderen beiden Fragen war „Nein“.

Der Tag ihrer Abreise rückte näher, und just als sich Susi entschieden hatte, den Hund alleine einzufangen, war dieser verschwunden. Aus dem Trio war ein Duo geworden. Von dem Verletzten, einem mittelgroßen, sandfarbenen Rüden, fehlte jede Spur. Die Betreiber des Campingplatzes versicherten, sie hätten den Hund nicht gesehen; niemand schien sein Verschwinden bemerkt zu haben, geschweige denn, daran beteiligt gewesen zu sein.

Susi suchte die ganze Gegend ab und kam schließlich an einem Schuppen mit einer Schiebetür aus Glas vorbei. Das war keine Tür, die von alleine zufallen kann; und dahinter erblickte Susi – den sandfarbenen Hund. Ein leerer Fressnapf stand neben ihm, aber es gab kein Wasser; der Hund musste dort hineingelockt worden und seither eingesperrt gewesen sein, dem Verhungern oder Verdursten überlassen; er war voller Kot und stank entsprechend.

Und er war noch ängstlicher als zuvor. Susis Nachricht in meinem Messenger war verzweifelt. „Vorher war er ein neugieriger, selbstsicherer Hund, nun klemmt er nur noch den Schwanz zwischen die Hinterbeine. Und vorher hat er mir schon fast aus der Hand gefressen, jetzt aber nimmt er nichts mehr an. Er trinkt auch nichts. Ich habe keine Ahnung, wie ich ihn anfassen, geschweige denn in meinen Bus bugsieren soll.“

Einen halben Tag und eine Nachricht später klang Susi wie verwandelt. Denn als Frau und Hund ratlos vor dem Camping-Bus gestanden hatten, war plötzlich ein kugelrunder Tourist aus dem Rheinland vorbeispaziert. „Ich fragte ihn, ob er mir helfen könne; er brummte etwas, ging auf den Hund zu, hob ihn einfach hoch und trug ihn in meinen Bus.“

Dieser verletzte, abgemagerte, scheue Hund machte weder Anstalten zu knurren, noch sich zu wehren. Von der Tierärztin bekam er Infusionen, Antibiotika und weitere Spritzen. Schon nach zwei Tagen fasste er Vertrauen zu Menschenhänden; bei der Heimfahrt im Camping-Bus musste Susi ihn zeitweise hinten anbinden, weil er sich ständig zu ihr auf den Fahrersitz drängeln wollte. Erst wenige Wochen sind seit seiner Rettung vergangen; inzwischen hört der Hund auf den Namen Nuno, ist vollständig genesen, verschmust und verspielt.

Ein Happy-End, das deutschen Tierfreunden mal wieder als Warnung dienen mag, „in den Süden“ zu reisen. Wie kann man Streunern gegenüber dort so gefühllos sein, wie kann man ihr Wohl und Wehe so ignorieren? Sie verhungern lassen oder gar schikanieren? Immerhin sind es verwilderte Haustiere, und sie sitzen direkt vor einem auf der Straße…

… genau wie Tauben in hiesigen, angeblich so tierfreundlichen Städten. Auch sie sind keine Wildtiere, sondern Brieftauben, die „zum Sport“ ausgesetzt wurden, die die vielen hundert Kilometer nicht nach Hause geschafft und sich geschwächt irgendwo niedergelassen haben; sowie Hochzeitstauben, die man von ihren Partnern getrennt hat, um die Romantik der menschlichen Eheschließung zu illustrieren. Man beschimpft sie als „Ratten der Lüfte“ und tritt nach ihnen. Viele Städte verbieten die Fütterung. Auf Fenstersimsen werden Spieße angebracht, an denen sich die Tiere schwer verletzen, man mauert Vorsprünge zu, auf denen sich Nester und Jungtiere befinden.

Nein, die Ignoranz gegenüber Straßentieren ist keine spezielle Fähigkeit des Südens. Abwerten, verdrängen, wegrationalisieren – wir Menschen können das. Aber wir können halt auch anders! Und viele Tiere, zum Beispiel Nuno, wissen sich dann mit Unmengen von Vertrauen und Liebe zu revanchieren.

Hilal Sezgin, Jahrgang 1970, lebt als freie Autorin in der Lüneburger Heide. Jeweils zu Monatsbeginn schreibt sie an dieser Stelle „Unter Tieren“. Zuletzt ist ihr Buch „Nichtstun ist keine Lösung. Politische Verantwortung in Zeiten des Umbruchs“ im DuMont Buchverlag erschienen.

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