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Priesterweihe bei den Piusbrüdern im Sommer 2009 in Zaitskofen bei Regensburg.

Vatikan

Theologe befürchtet "windelweichen Kompromiss“

Der Theologe Otto Hermann Pesch spricht im Interview über die Politik des Vatikans gegenüber den Pius-Brüdern. Eine Entscheidung über den zukünftigen Kurs steht unmittelbar bevor.

Die Priesterbruderschaft St. Pius X. wurde 1970 von Erzbischof Marcel Lefebvre gegründet, weil er zentrale Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) ablehnte. Nachdem er unerlaubt Priester und Bischöfe geweiht hatte, wurde er 1988 exkommuniziert. Papst Johannes Paul II. schuf eine Dialogkommission, Papst Benedikt XVI. machte Zugeständnisse an die Piusbrüder, die derzeit von Bernard Fellay geleitet werden. 2009 wurde auf Anweisung des Papstes die Exkommunikation von vier irregulär geweihten Bischöfen wieder aufgehoben, darunter auch der Holocaust-Leugner Richard Williamson. Ein Gespräch mit Otto Hermann Pesch darüber, was der Papst für Pläne verfolgen könnte.

Herr Professor Pesch, allem Anschein nach steht eine Einigung des Vatikans mit den reaktionären Pius-Brüdern kurz bevor. Damit könnte Papst Benedikt XVI. sein Ziel erreichen, eine Kirchenspaltung zu beenden. Ein legitimes Anliegen?

Selbstverständlich ein legitimes Anliegen – aber nicht um jeden Preis. Der Papst kann nicht einfach hinter die Positionen seiner Vorgänger und die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils zurückfallen.

Dieses häufig benutzte Argument klingt, als wären die Texte des Konzils für alle Zeiten unantastbar. Ist das nicht genau jener Dogmatismus, der sonst den Pius-Brüdern vorgehalten wird?

Es gehört einerseits zur Signatur des Konzils nach dem ausdrücklichen Willen Papst Johannes XXIII., keine Dogmen und Verurteilungen auszusprechen, sondern Meinungsvielfalt in der Kirche zuzulassen, ja zu fördern. Andererseits ist es völlig verfehlt, die Konzilsbeschlüsse selbst wegen fehlender Dogmen für unverbindlich zu erklären, so als hätte sich der Weltepiskopat vor 50 Jahren in Rom nur zu einem Plauderstündchen versammelt und am Ende ein paar freundliche Empfehlungen von sich gegeben.

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Verbindlich, aber diskutierbar – wie soll das zusammengehen?

Ganz einfach. Wenn sich das Konzil feierlich zur Religions- und Gewissensfreiheit bekennt, so ist das eine für alle bindende Position. Wenn eine genaue Analyse der Vorgänge auf dem Konzil erkennen lässt, wie konservative Pressure groups die schon verabschiedeten Texte in letzter Minute mit Hilfe des Papstes noch zu ihren Gunsten verändern und verwässern konnten, dann muss natürlich darüber diskutiert werden, wie mit dem Ergebnis solcher taktischer Manöver umzugehen ist.

Benedikt XVI. sagt seit Langem, er wolle das Konzil vor Auswüchsen und Fehlinterpretationen schützen. Nehmen Sie ihm das ab?

Im Grunde ja, obwohl es mir schon ein gewisses Rätsel ist, wie der ehedem so fortschrittlich gesinnte Theologe Joseph Ratzinger eine solche Ängstlichkeit und Enge entwickeln konnte. Insgesamt war es fatal für die Wirkungsgeschichte des Konzils, dass die erste Phase der Rezeption zusammenfiel mit den 68er-Revolten, die alles Institutionelle als Repression radikal in Frage stellten. Das Konzil galt manchen als Freibrief für innerkirchliche Anarchie. Das machte verständlicherweise dann selbst Bischöfe kopfscheu, die mit großem Elan an die Umsetzung der Konzilsbeschlüsse gegangen waren. Und so warnen um das Konzil besorgte Katholiken schon seit den 70er- Jahren vor „Restauration“.

Ist das Konzil mit seiner Öffnung zur modernen Welt einer naiven Euphorie erlegen, wie seine Kritiker sagen?

Ein gewisser Fortschrittsoptimismus ist nicht von der Hand zu weisen. Andererseits nehmen die Texte die Ambivalenzen und Abgründe der Moderne sehr wohl wahr – nicht zuletzt unter dem Einfluss deutscher Konzilstheologen, namentlich Karl Rahner und Joseph Ratzinger. Deshalb halte ich den Vorwurf der Naivität für ignorant und denunziatorisch.

Der eigentliche Streit mit den Pius-Brüdern dreht sich aber um die Anerkennung der Religions- und Gewissensfreiheit?

Das Konzil hat hier in der Tat eine kopernikanische Wende vollzogen: Nicht „die Wahrheit“ hat Rechte und „der Irrtum“ keine, sondern die einzelne Person hat aufgrund ihrer Würde unveräußerliche Rechte. Selbstverständlich rückt das Konzil nicht von der Überzeugung ab, die allein wahre Religion sei die christliche. Es stellt fest, jeder Mensch sei verpflichtet, nach der Wahrheit zu suchen. Aber – und das ist Tradition seit den Kirchenvätern – nur in Freiheit und kraft der Gnade Gottes kann ein Mensch sich für den Glauben entscheiden. Damit korrigiert das Konzil auch ein falsches Verständnis des alten Satzes, „Extra ecclesiam nulla salus“ – außerhalb der Kirche kein Heil. Im Gegenteil: Wer Jesus nicht kennt oder ihn nicht versteht, aber nach dem Spruch seines Gewissens erlangt, kann das Heil erlangen (Kirchenkonstitution Artikel 16).

Im Umfeld des Papstes heißt es, die entsprechenden Texte seien nachrangig und könnten nicht die volle Autorität von Konzilsbeschlüssen beanspruchen.

Das ist ein untauglicher Versuch, die Verbindlichkeit der betreffenden Texte herunterzureden. Diese hängen nämlich inhaltlich aufs Engste mit den dogmatischen Konzilsbeschlüssen zusammen. Eine Steinbruch-Lektüre, wie sie die Pius-Brüder und ihre Sympathisanten im Vatikan versuchen, geht an der Sache vorbei.

Aber wenn Sie selbst von „kopernikanischer Wende“ reden, bestätigen sie dennoch einen Hauptvorwurf der Pius-Brüder gegen das Konzil: den Bruch mit der Tradition.

Das Gegenteil zu behaupten, wie der Papst es gelegentlich tut, ist ja auch Augenwischerei. Natürlich lehrt das Konzil in Sachen Religionsfreiheit etwas Neues. Man muss sich vor Augen führen, was vorher galt: Noch im 19. Jahrhundert hatte Papst Gregor XVI. die Idee der Religions- und Gewissensfreiheit als „deliramentum“, als Wahnvorstellung, bezeichnet. Die Kirche vertrat allen Ernstes folgende Toleranz-Doktrin: Ist in einem Staat die Mehrheit des Volkes katholischen Glaubens, muss die Regierung diese wahre Religion fördern, die Ausbreitung falscher Religionen und auch christlicher Konfessionen unterbinden. Ist aber die Mehrheit nicht katholisch, so muss der Staat aus Gründen des Naturrechts die freie Glaubensausübung der katholischen Minderheit ebenso zulassen wie die katholische Mission.

Davon hat das Konzil sich verabschiedet?

Auf dem Konzil wurde diese Sicht als schierer Machiavellismus gebrandmarkt. Also, wenn das nichts Neues ist, weiß ich nicht, was noch als neu gelten dürfte. Nur wollen die Pius-Brüder genau an dieser Stelle das Rad zurückdrehen. Ihnen scheint das alte Ideal eines katholischen Staates vorzuschweben.

Darf der Papst solchen Wunschvorstellungen entsprechen?

Wenn er sich einschränkungslos – das ist wichtig – auf die Seite der Pius-Brüder stellen und ihnen die Ablehnung der Lehre zur Religions- und Gewissensfreiheit zugestehen würde, würde er eine Kirchenspaltung, ein Schisma, fördern und wäre damit selbst schismatisch. Eine Tradition seit dem Mittelalter hält es für möglich, dass ein Papst auch Häretiker wird und Irrlehren vertritt, also auch zum Beispiel ein Schisma herbeiführt. Ein häretischer Papst aber verliert automatisch sein Amt. Die Frage ist nicht, ob das möglich ist, sondern wer das feststellt. Diese brisante Frage wird mit Sicherheit gestellt werden, sollte sich der Papst auf deren Linie einigen.

Sie meinen, faktisch kann der Papst durchregieren?

Kirchenrechtlich kann ihn jedenfalls keiner hindern. So kann er auch entscheiden, ohne den Apparat im Vatikan oder die Bischöfe einzubeziehen. Ein Bischof, den ich fragen konnte, sagte mir, er wisse auch nur, was in der Zeitung steht. Formal mag das angehen, praktisch ist es äußerst bizarr.

Welchen Plan vermuten Sie denn bei Benedikt XVI.?

Ich glaube, er wird den Pius-Brüdern nicht so weit entgegenkommen, dass diese die Religions- und Gewissensfreiheit formal als Irrlehre bezeichnen dürften. Ich befürchte eher einen windelweichen Kompromiss, wonach die Pius-Brüder die Autorität des Papstes anerkennen, sich aber nicht in gleicher Konsequenz zu den Lehren des Konzils bekennen müssen. Das widerspricht schon dem vorkonziliaren Kirchenrecht, das ausdrücklich feststellte: Zusammen mit dem Papst übt das Ökumenische Konzil die höchste Vollmacht in der Kirche aus. Gemessen an ihren eigenen Maßstäben, befinden sich die Pius-Brüder damit meines Erachtens im Zustand der fortgesetzten Häresie, insofern sie Weisungen der höchsten Vollmacht in der Kirche dem persönlichen Ermessen unterordnen. Am Ende würde Hunderten Millionen Katholiken weltweit die Kirchengemeinschaft mit einer Splittergruppe zugemutet, die ihnen „Verrat am wahren Glauben“ vorwirft. Dazu kann kein Papst die Katholiken verpflichten.

Aufruf zum Ungehorsam?

Das wird gar nicht nötig sein. Abwarten genügt, denn auch der Papst kann nicht gegen die Überzeugungen einer erdrückenden Mehrheit der Katholiken anregieren. Die Zeiten sind vorbei! Ich denke, die Gläubigen werden sich von römischen Entscheidungen einfach gar nicht mehr beirren lassen. Das Kopfschütteln über Rom wird ebenso zunehmen wie eine Glaubenspraxis, die sich mehr und mehr von der Kirchenleitung abkoppelt: „Zur Not kann ich auch ohne den Papst glauben!“ Eine solche Haltung ist zwar mit dem Selbstverständnis der Kirche als Glaubensgemeinschaft schwer zu vereinbaren, sie gewinnt aber in der Tendenz unter den Katholiken immer mehr an Gewicht.

Von Nicht-Katholiken ganz zu schweigen. Welche Relevanz hat dieser ganze Streit jenseits des binnenkatholischen Milieus?

Der Dialog zwischen der Kirche und der Welt steht auf dem Spiel. Setzt die katholische Kirche ängstlich und demonstrativ auf Abgrenzung von der modernen Welt? Zieht sie sich wieder in die Festung zurück, die Papst Johannes XXIII. in den 1960er-Jahren hatte aufbrechen wollen? Das Konzil hatte gesagt: Die Kirche hat der Welt nicht nur etwas zu geben, sondern auch von ihr zu lernen (Pastoralkonstitution Artikel 40 und 44). Alles in allem: Das Zweite Vatikanische Konzil ist die Zukunft der Kirche im 21. Jahrhundert. Wenn man es dem Vergessen anheimgäbe, würde die Kirche zur Großsekte, von der sich niemand mehr etwas verspricht.

Interview: Joachim Frank

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