Scheidendes Jury-Mitglied

Theatertreffen ist "zu kompromisslerisch"

"Zu viel Edeltheater, zu kompromisslerisch" - so kritisiert das scheidende Jurymitglied Hartmut Krug das Berliner Theatertreffen.

Berlin/Köln (dpa) - "Zu viel Edeltheater, zu kompromisslerisch" - so urteilt das scheidende Jurymitglied Hartmut Krug über das Berliner Theatertreffen. Der Theaterkritiker, der jetzt nach dreijähriger Tätigkeit aus dem siebenköpfigen Gremium ausscheidet, übt in der Juli-Ausgabe der Zeitschrift "Die Deutsche Bühne" (Köln) heftige Kritik an dem Auswahlverfahren für das von den Berliner Festspielen organisierte Theaterfestival. "Die augenblickliche Situation führt zu Kompromissen, mit denen das am wenigsten Strittige ausgewählt wird", schreibt Krug in einem Beitrag für das Blatt.

Das in der Verfahrensordnung festgelegte Ziel, "bemerkenswerte" Inszenierungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz einzuladen, sei in der Jury-Praxis wenig hilfreich. "Die Versuche, zu Beginn eines neuen Juryjahres diesen Begriff "bemerkenswert" mit Inhalt zu füllen, ihn praktikabel zu machen statt ihn zum Freibrief für alles das werden zu lassen, was dem ästhetischen Geschmack und den theatralen Vorlieben eines einzelnen Jurors entspricht, wurden immer wieder schnell abgebrochen", erklärt Krug.

"Es ist schon erstaunlich, dass die Theatertreffen-Leitung den Wischi-Waschi-Begriff "bemerkenswert" mit vollem Bewusstsein akzeptiert, statt von sich aus nicht abstrakte, sondern ganz konkrete, spannungsvolle Kriterien zu entwickeln." Die Festivalleitung mache sich zudem zu wenig Gedanken, wie Aufführungen, "die zwangsläufig aus ihren regionalen und allgemeinen Zusammenhängen herausgelöst werden", in Berlin präsentiert werden können. Deshalb würden in erster Linie Aufführungen ausgewählt, die in Berlin Aussicht auf Akzeptanz haben.

Da die "besonderen, großen Schauspieler" vor allem an den großen Bühnen spielten, führe das immer stärker zu einer Auswahl, die bestimmt werde von den großen Bühnen zwischen Wien, Zürich, Hamburg, München und Berlin. "Eben Edeltheater, wie dies eine Jurorin im letzten Jahr nannte." Diese Mängel des Treffens hält Krug auch für eine Folge des Auswahlverfahrens bei den Juroren selbst.

"Statt junge, freiberufliche Kollegen, gleich welchen Geschlechts, zu ernennen, wird taktisch ausgewählt. Mitarbeiter bekannter Medien, meist von Zeitungen, werden ernannt." Das schaffe zwar nicht unbedingt eine Garantie für Qualität und Engagement, doch liefere es dem Theatertreffen noch mehr Renommee und bewahre es vor allzu viel Kritik von den Zeitungen der Auserwählten", schreibt Krug. Neuer Schwung, andere Sichtweisen, unbekannte Theatergefilde kämen so aber nicht in den Juryblick.

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