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Theaterstück „revision“: Schreiend gegen die Wand

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Von: Pitt von Bebenburg

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Wie ein Mosaik angelegt: Theaterstück „revision“. Foto: Merthe Wulf
Wie ein Mosaik angelegt: Theaterstück „revision“. Foto: Merthe Wulf © Merthe Wulf

Im Theaterstück „revision“ geht es um rechten Terror vor Gericht. Es ist nicht das erste Mal, dass ein solcher Gerichtsprozess auf der Bühne reflektiert wird.

Vielleicht ist es naiv, von einem Strafprozess gegen rassistische und rechtsextreme Täter Gerechtigkeit zu erwarten. Aber was sollten wir sonst erwarten? Wenigstens Empathie mit den Opfern?

Manchmal könnten Zuschauerinnen und Zuschauer, die solche Prozesse miterleben, schreiend gegen die Wand laufen. Weil ihr Gerechtigkeitsempfinden verletzt wird oder weil es an Empathie mit den Opfern fehlt. Genau das tut einer der Darstellenden in dem Stück „revision. Beobachtungen aus dem Saal 165 C“: schreiend gegen die Wand laufen. Aber die Wand ist stärker, er prallt ab. Drei Mal. Dann gibt er es auf.

Die Prozesse gegen extrem rechte Straftäter häufen sich in Frankfurt. Sie wühlen die Öffentlichkeit auf und auch die Theaterszene. Innerhalb weniger Wochen widmet sich zum zweiten Mal eine freie Schauspielgruppe in Frankfurt dieser Thematik.

Die Regisseurin und Theaterautorin Marie Schwesinger setzte in ihrem Stück „Werwolfkommandos“ (aufgeführt im Oktober im Theater Landungsbrücken) ganz auf die Wirkung der oft beunruhigenden Worte, die in den Gerichtssälen gefallen waren – auch in jenem in Saal 165 C, wo wegen des Mordes an Regierungspräsident Walter Lübcke und des Mordversuchs an Ahmed I. verhandelt wurde. So zog sie das Publikum in den Bann, als habe es den Prozess miterlebt, in dem Lübckes Mörder verurteilt wurde, während kein Täter im Fall Ahmed I. überführt werden konnte.

Wie Schwesinger und ihre Kolleg:innen hat auch das „Big Image Collective“ dieses Verfahren vor Ort verfolgt. Das Kollektiv, das zu dritt auf der Bühne im Mousonturm steht (Antonia Meier, Arthur Romanowski und calendal), legt sein Stück eher wie ein Mosaik an. Mal werden Beobachtungen geschildert („Nach der Verkündung regnet es immer noch“), mal heikle juristische Fragen diskutiert (eignet sich eine Kategorie wie „psychische Beihilfe“, um jemanden zu verurteilen, oder ist sie zu anfällig für Missbrauch?), mal die Rolle als Beobachtende reflektiert, die keinen Einfluss auf das Urteil nehmen könnten. Drei Mal wurde das Stück jetzt im Mousonturm gezeigt, weitere Vorstellungen sind derzeit nicht geplant.

Zu Beginn sind die Darstellenden noch nicht zu sehen, sie verbergen sich in rosa Stoffbällen. Sind es rosa Roben, die im Unterschied zu den schwarzen Roben der Prozessbeteiligten die Öffentlichkeit versinnbildlichen? Sollen sie hier pink leuchten, wo sie in der Realität der Gerichtssäle nicht weiter stören sollen?

Nur durch ein quadratisches Loch können die drei Darstellenden durch ihre rosa Umhänge hindurchsehen, durch zwei weitere Löcher mit den Armen gestikulieren. Später legen sie das Kostüm ab, um bei Gelegenheit wieder hineinzusteigen. Schließlich dienen die rosa Textilien als riesige Boxhandschuhe: Während die Situation angesprochen wird, wenn „Aussage gegen Aussage“ steht, stürzen sich zwei Darstellende im rosa Ball aufeinander und prallen voneinander ab wie Flummis. So hat man „Aussage gegen Aussage“ noch nie gesehen. Ein zweites optisches Element belebt die Inszenierung: Im Hintergrund wird ein Foto des Saals 165 C in enormem, nahezu originalgetreuem Format hochgezogen. „Big Image“ - großes Bild – ist hier wörtlich zu nehmen. Hier könnte das Kollektiv das Publikum mit in den Gerichtssaal nehmen, ihm ein Gefühl für eine solche Verhandlung geben.

Das tut es auch für eine Szene vor der Pause. Es ist der Moment, in dem Ahmed I. aussagt, der endlich über das lange öffentlich ignorierte Verbrechen sprechen kann. Doch die umständlichen Übersetzungen aus dem Kurdischen, die seine Darstellung auf Deutsch verschwimmen lassen, und die Ungeduld auf der Richterbank machen das Ganze zu einem unwürdigen Ereignis. „Der Tag endet mit einer Wut im Bauch“, konstatiert Meier.

Dann ist Pause - und danach ist diese Ernsthaftigkeit verflogen. Die Darstellenden beginnen den zweiten Teil, indem sie sich eine nach dem anderen ans Mikrofon stellen und Anekdoten erzählen, ohne erkennbaren Bezug zum Prozess und zu der Bedrohung durch rechte Gewalt.

Es scheint, als wollten sie als Personen wahrgenommen werden, nicht nur als Darstellende. Tatsächlich folgt, als es dann wieder um den Prozess geht, die Frage: „Was hat das mit uns zu tun?“ Das dürften sich die Zuschauenden an dieser Stelle auch fragen. Mehr als in einem Prozess gegen extrem rechte Täter.

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