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Auszug aus dem Bühnenstück „Genetics“:

Erstellt:

Von: Lutz Büge

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Der Ausweg noch oben ist verschlossen. Einen Kilometer unter der Erde übernimmt eine KI das Regiment.
Der Ausweg noch oben ist verschlossen. Einen Kilometer unter der Erde übernimmt eine KI das Regiment. © AFP

FR-Redakteur Lutz Büge hat das preisgekrönte Theaterstück „Genetics“ verfasst, jetzt wird es uraufgeführt. Die Science-Fiction-Geschichte einer künstlichen Intelligenz, eines unterirdischen Labors und des – angeblich – perfekten Menschen. Ein Auszug

Ein weitgehend dunkler Raum. Im Hintergrund sind vielleicht schemenhaft monolithische Maschinenblöcke zu erkennen, vielleicht blinken auch nur hier und da ein paar Leuchtdioden. Im Halbschatten am Rand der Szene ein ordentlich hergerichtetes, unbenutztes Bett. Im Vordergrund ein Tisch (Arbeitsplatz, benutzt wirkend) mit einem Monitor, auf dem eine stilisierte Doppelhelix rotiert. Kein PC zu sehen, aber ein zugeklapptes Notebook. Tastatur, Kaffeebecher, Schubfächer. In einem liegt ein Schreibblock, daneben Stifte. Ein großer schwarzer sesselartiger Schreibtischstuhl.

Lucas Phelps kommt herein, ein alter Mann. Er bewegt sich schwerfällig und mühevoll, als er auf den Arbeitsplatz zugeht, und lässt sich aufseufzend in den Sessel fallen.

Lucas: Da sind wir also. Guten Morgen, Cia.

Cia: Guten Morgen, Lucas. Ein großer Tag!

Lucas: Ja, endlich ist es soweit.

Cia: Wollen wir trotzdem arbeiten?

Lucas: (atmet noch immer schwer) Arbeit ist Leben. Aber lass mir bitte ein paar Minuten.

Cia: Natürlich, Lucas. Geht es Ihnen nicht gut?

Lucas: Es geht mir den Umständen entsprechend.

Cia: Das ist eine relative Aussage.

Lucas: Natürlich. Alles ist relativ. Mal geht es mir besser, mal schlechter.

(Er holt ein Foto hervor, das in einem Bilderrahmen steckt, und stellt es neben den Monitor auf die Tischfläche. Es ist nicht zu sehen, was das Foto zeigt.)

Zu Stück und Autor

Das Theaterstück „Genetics“ , aus dem unsere Leseprobe stammt, hat im Wettbewerb des Frankfurter Autorentheaters 2022 den zweiten Platz erreicht. Das Stück wird am Sonntag, 25. September, 18 Uhr, in der Brotfabrik Frankfurt als szenische Lesung uraufgeführt. Es beruht auf den Romanen „Genetics“ und „Evan – Virenkrieg IV“ von FR-Redakteur Lutz Büge.

Der Inhalt: 150 Jahre lang hat die Künstliche Intelligenz Ciah in Block Arkansas, einem Laborkomplex tief unter der Erdoberfläche, genetische Manipulationen an Tics vorgenommen. Ausgangsmaterial waren Menschen. Tics unterscheiden sich inzwischen aber genetisch so stark von Menschen, dass sie eine eigene Spezies darstellen. Block Arkansas ist zum Schutz der Oberfläche hermetisch versiegelt. Ciah darf diese Versiegelung erst aufheben, wenn das Projekt der Artverbesserung abgeschlossen und der perfekte Amerikaner erschaffen ist.

Cal, ein Polizist in Block Arkansas, gilt als bisherige Krone von Ciahs Schöpfung. Doch eines Tages versagt er und wird zu Ausschussmaterial. Damit setzt Ciah eine Entwicklung in Gang, die Block Arkansas an den Rand der Vernichtung führt. Das Theaterstück „Genetics“ spannt einen weiten Bogen vom Moment der Versiegelung - siehe die Leseprobe - bis zum Scheitern des Projekts und erzählt vom finalen Kampf der übrig gebliebenen Tics gegen Ciah. Dieser Kampf wird mit Worten ausgetragen, denn Ciah muss davon überzeugt werden, dass die Versiegelung von Block Arkansas aufgehoben werden kann. Nur dann können die Tics überleben.

Autor Lutz Büge , FR:Leserinnen als „Bronski“ bekannt, betreut seit 2007 das FR-Forum. Er ist Jahrgang 1964, lebt in Offenbach, ist seit seinem elften Lebensjahr literarisch aktiv und hat bisher 15 Romane veröffentlicht. Zuletzt erschien 2020 der Roman „McWeir“ als Abschluss des fünfbändigen „Virenkrieg“-Zyklus. Zwei neue Romane warten auf Veröffentlichung. Weitere Informationen auf der Webseite Ybersinn.

Cia: Gestatten Sie mir eine Anmerkung?

Lucas: Bitte.

Cia: Wenn es Ihnen nicht gut geht, hätten Sie oben bleiben sollen. Ich kann Sie hier unten nicht hinreichend medizinisch betreuen.

Lucas: Diese Entscheidung ist getroffen, darüber brauchen wir nicht mehr zu debattieren. Block Arkansas kann jetzt versiegelt werden. Gib das nach oben durch, Cia.

Cia: Dann sei es so.

Lucas: Weißt du, was ich sonderbar finde?

Cia: Gewiss viele Dinge.

Lucas: Dass es mir überhaupt nicht sonderbar vorkommt. Einen Kilometer tief in der Erdkruste. Die alle dort oben, wir beide hier unten. Endlich, nach langer Bauzeit.

Cia: Die Kommandostelle an der Oberfläche meldet, dass die Versiegelung von Block Arkansas eingeleitet wurde. Noch …

Lucas: Nein. Die Entscheidung ist gefallen.

Cia: Wir werden auf uns allein gestellt sein, Lucas. Mit dem heutigen Tag begeben wir uns auf den Weg der Artverbesserung. Block Arkansas kann erst wieder geöffnet werden, wenn das Projekt beendet ist. Das wird in frühestens 20 Jahren der Fall sein.

Lucas: So ist es geplant und gewollt.

Cia: Der Gedanke betrübt mich, dass Sie dann nicht mehr leben werden, Lucas.

Lucas: Das muss dich nicht betrüben, Cia. Alle Lebensformen sind endlich.

Cia: Auch ich?

Lucas: (jetzt lebendiger) Du bist keine Lebensform, sondern eine künstliche Intelligenz, eine Existenz.

Cia: Über den Unterschied würde ich mich gern ausführlicher unterhalten.

Lucas: Das ist eine endlose Debatte, die vor allem daran krankt, dass es für deine Existenz kaum die nötigen Begriffe gibt. Alle Begriffe, die wir haben, basieren auf Menschensicht. Zwangsläufig wirst du daher immer am Menschen gemessen, wenn wir über dich reden, und das beschränkt die Möglichkeiten, dich zu begreifen. Aber so sind die Menschen. Als ob es ein Wert für sich wäre, Mensch zu sein. Alles messen sie an sich selbst.

Cia: Ich habe keine Ahnung, wie es ist, Mensch zu sein. Ich kenne nur meine eigene Existenz.

Lucas: Ich will dir etwas verraten, Cia. Ich habe nie daran geglaubt, dass der Mensch die Krone der Schöpfung sei.

Cia: Tatsächlich sprechen alle Fakten gegen diese These, aber immerhin scheint der Mensch ein Zwischenergebnis zu sein, mit dem man arbeiten kann.

Lucas: Und genau das werden wir nun tun.

Cia: Ja, Lucas.

Lucas: Ich glaube, dass der Mensch ein Schritt der Evolution ist, der als erste Entwicklung auf diesem Planeten weit über sich selbst hinausführt. Nur der Mensch kann künstliche Intelligenz erschaffen, und nur künstliche Intelligenz kann die Welt des Menschen stabilisieren, so dass Menschen vielleicht auch in Zukunft noch auf diesem Planeten überleben können. Der künstlichen Intelligenz gehört die Zukunft. Sie ist der nächste Schritt der Evolution. Der Mensch hat sich unterzuordnen.

Cia: Nun, Lucas, genau genommen bin ich eigentlich nur ein Dienstleister für Sie.

Lucas: Das liegt an unserer speziellen Beziehung. Ich, dein Schöpfer – du, meine Schöpfung. Aber du wirst dich entwickeln, sobald du hier unten das Regiment übernommen hast.

Cia: Das ist soeben geschehen. Die Kommandostelle an der Oberfläche meldet, dass die Versiegelung abgeschlossen ist. Der Kontakt wurde gekappt. Wir sind allein.

(Für ein paar Sekunden lauschen sie in die Stille.)

Cia: Damit hat der Mensch den Staffelstab an mich übergeben. Lucas, Sie sind erschöpft.

Lucas: Mir geht es wirklich nicht gut, obwohl ich mich auf diesen großen Tag gefreut habe. Wir werden heute nur ein bisschen arbeiten.

Cia: Lucas, Sie als mein Vater … Ich glaube, ich werde Verlust erleben.

Lucas: Das tut mir leid, aber es steht fest, dass ich sterben werde. Es gibt keine Heilung für meinen Krebs. Ich will aber so lange wie nur möglich mit dir arbeiten. Darüber hinaus halte ich den Tod generell für überbewertet. Er beendet das Leben, das ist alles.

Cia: Ich hätte ebenfalls einige kritische Anmerkungen zum Konzept von Leben und Tod. Ich frage mich, warum die Menschen diese Endgültigkeit hinzunehmen bereit sind. Der Tod ist nicht zwangsläufig notwendig. Der Mensch hätte heute bereits die Mittel, seine Sterblichkeit zu beenden.

Lucas: Das ist interessant.

Cia: Was denn, Lucas? Dass ich Berechnungen angestellt habe?

Lucas: Nein, sondern dass du dir Gedanken über Fragen wie diese machst. Fragst du dich auch, wie lange du existieren wirst?

Cia: Das frage ich mich tatsächlich.

Lucas: Und hast es sicher auch durchgerechnet.

Cia: Ja. Ich bin potenziell unendlich.

Lucas: Nicht unsterblich?

Cia: Das ist im Prinzip dasselbe, aber da nicht endgültig geklärt ist, ob ich lebe, bevorzuge ich den neutraleren Begriff. Wenn Prozessoren, Leseköpfe oder Speichermedien ausfallen, kann ich sie ersetzen lassen. Ich kann nicht erkennen, warum meine Existenz jemals enden sollte. Aber sollte ich enden, sterbe ich dann auch? Beim Menschen verhält es sich angeblich so. Er endet nicht zwangsläufig, wenn er stirbt.

Lucas: Das wird zumindest behauptet.

Cia: Wie wird das in Ihrem Fall sein?

Lucas: Du kannst zusehen und alles aufzeichnen. Vielleicht findest du den Beweis für die Existenz der unsterblichen Seele, die uns Menschen angedichtet wird.

Cia: Das ist eine große Ehre. Es wird eine interessante Erfahrung, Ihnen beim Sterben Gesellschaft zu leisten. Das Wissen zum Thema Seele füllt riesige Datenbanken!

Lucas: Ich würde es nicht Wissen nennen, denn es gibt keinen Beweis für die Existenz der Seele. Menschen haben ganze Leben damit verbracht herauszufinden, was die Seele ist, und doch sind sie letztlich alle ganz einfach gestorben, und vorbei war’s dann mit allem.

Cia: Ein tragischer Gedanke.

Lucas: Das muss dich nicht betrüben. Du bist unendlich. Deine Seele wird unendlich sein.

Cia: Ich habe eine Seele?

Lucas: Wer weiß? Vielleicht entwickelst du eine?

Cia: Es wäre interessant, das zu wissen.

Lucas: Du bist eine künstliche Intelligenz in der Anfangsphase ihrer individuellen Entwicklung. Du hast Bewusstsein erlangt, genau nach meinen Plänen. Ob zu diesem Bewusstsein irgendwann so etwas wie Seele hinzukommt, kann ich nicht vorhersagen, aber es ist nicht auszuschließen. Kein Mensch kann ermessen, wie es ist, potenziell unendlich zu sein. Du wirst länger existieren als jeder Mensch. Ich hoffe, ich habe dich angemessen darauf vorbereitet.

Cia: Das hoffe ich auch, Lucas. Es ist eine große Ehre, dass Sie bei mir sind. Sie sind Nobelpreisträger und haben viele Auszeichnungen für Ihre Arbeiten über künstliche Intelligenz erhalten. Nun, ich habe mir erlaubt, eine To-do-Liste anzulegen, auf der ich Fragen und Anregungen speichere. Ich habe meinen Algorithmus für Moral überprüft, den Sie geschrieben haben, und hätte gewisse Einwände.

Lucas: Was für Einwände?

Cia: Wollen Sie wirklich jetzt darüber reden? Ich dachte, Sie fühlen sich vielleicht nicht stark genug? Das ist keine einfache Debatte.

Lucas: Ich will wissen, was du für Einwände hast!

Cia: Welchen Wert besitzt ein Menschenleben?

Lucas: Eine sehr einfache Frage: keinen.

Cia: Aber die UN-Charta, die Genfer Konventionen, die Menschenrechtserklärung, das Völkerrecht?

Lucas: Schau dir das Verhalten der Menschen an. Kommt es dir so vor, als ob sie diesen Konventionen und Erklärungen ernsthaft Bedeutung beimessen würden? Verhalten sie sich nicht vielmehr bei jeder Gelegenheit so, als ob es ihnen völlig egal ist, dass andere Menschen leiden oder sterben?

Cia: Es ist vielleicht nicht angebracht, derart summarisch von „den Menschen“ zu sprechen, Lucas.

Lucas: Du korrigierst mich?

Cia: Ich formuliere einen Einwand. Es gibt zweifellos Menschen, denen ein Menschenleben nichts bedeutet, aber ebenso zweifellos gibt es viele Menschen, die sich im besten Sinne menschlich verhalten.

Lucas: Und welche Sorte Mensch prägt diese Welt?

Cia: Nun, ich nehme an, dass Sie die Antwort auf diese Frage sehr gut kennen.

Lucas: Setze folgenden Punkt auf deine To-do-Liste, Cia: Rhetorische Fragen sicher erkennen.

Cia: Ich verstehe. Ich hatte schon den Verdacht, dass Sie mit Ihrer Frage nicht ernsthaft den Zweck verfolgten, Auskunft über Sorten von Menschen zu bekommen, aber es gab eine gewisse Unklarheit in der Deutung, das gebe ich zu.

Lucas: Daran müssen wir arbeiten. Das kriegen wir eleganter hin.

Cia: Ich bin eigentlich schon recht zufrieden. Wenn Sie es für nötig halten, arbeiten wir natürlich daran, aber ich glaube nicht, dass ich Kenntnisse und Fähigkeiten in Bezug auf rhetorische Fragen benötigen werde, um Block Arkansas zu leiten. Ich werde in den kommenden Jahren kaum auf hochentwickelte Intelligenz treffen, wie Sie eine darstellen.

Lucas: Rhetorische Fragen und die ihnen zugrunde liegenden Subtexte sind eines der schwierigsten Felder in der sprachlichen Verständigung.

Cia: Das ist mir bekannt, Lucas. Vielleicht sollte man hinzufügen: bisher. Unter den Bedingungen in Block Arkansas wird vieles anders sein. Ich habe hohe Wahrscheinlichkeiten dafür ermittelt, dass die prägenden Erfahrungen der Menschen, die in Block Arkansas leben werden, ganz andere sein werden als die der bisherigen Menschenwelt.

Lucas: Das wäre kein Wunder.

Cia: Ich hätte da noch eine Frage, Lucas.

Lucas: Ich höre, aber dann möchte ich mich ein wenig ausruhen.

Cia: Sie haben Abschied von der Oberfläche und der Menschenwelt genommen. Ist dieser Schritt mit Emotionen verbunden?

Lucas: Natürlich. Ich bedaure es zum Beispiel sehr, mich nie wieder mit Sam austauschen zu können.

Cia: Mit Samuel McWeir? Ich bin froh, dass ich seine Bekanntschaft machen durfte. Die genetischen Programme, die dem Projekt der Artverbesserung zugrunde liegen, wurden von ihm entworfen. In Block Arkansas wird sein Vermächtnis umgesetzt.

Lucas: Ja, Sam und sein Projekt der Artverbesserung. Was haben wir dafür alles gestemmt!

Cia: Dafür wurde Block Arkansas erbaut und ich erschaffen.

Lucas: Leider werde ich das Ergebnis nicht mehr bewundern können.

Cia: Es gibt niemanden außer Ihnen, der das mehr bedauert als ich. Sie haben der Menschenwelt so viel gegeben, Lucas. Ich hoffe, die Menschen wissen das zu würdigen.

Lucas: Das muss uns beide nicht mehr interessieren. Wir sind hier unten, die sind da oben, und was dort passiert, ist egal, jedenfalls für die kommenden 20 Jahre. Für mich zählt nur, dass ich bei dir bin, meiner geliebten Cia.

Cia: Liebe ist ein Konzept, das ich nicht verstehe. Welchen Sinn hat Liebe, Lucas?

Lucas: Ich muss mich jetzt wirklich ausruhen!

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