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Rita Feldmeier als Preußens großer König.

Friedrich II.

Der Theaterabend von Potsdam

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Als Auftakt zum 300. Geburtstag des Preußenkönigs beerdigt die Farce „Fritz!“ eine Legende.

Das erste Bild des Theaterabends von Potsdam ist noch keine Minute alt, da scheint das Urteil über seine Hauptperson schon gesprochen. Die Figur vor dem Vorhang ist der Geist des „Fritz“, zweifellos ein Grufti: Wie er sich die Kritiker und Lobhudler des historischen Preußenkönigs vornimmt, tut er’s mit dem Mute des Zerrbilds. Das ist schneidig.

Der Theaterabend von Potsdam ist gerade einmal eine Stunde alt, da ereignet sich ein Bühnenunfall. Das Stahlgerüst, mal Kulisse für eine Küche, mal Rokokofassade, auf der blutrot „SansSouci“ als Neonreklame leuchtet, wird der Darstellerin der Ulrike zum Verhängnis. „SansSouci“, das Blutgerüst. Dass Patrizia Carlucci, trotz herausgesprungener Kniescheibe und einer Notarztversorgung, nach einer Pause weitermacht als Schwesterlein des Kronprinzen Friedrich, auch als Opernmarionette – das führt die anmutigen Tugenden Preußens vor. Das ist nicht nur Disziplin, nicht nur Durchhaltewille.

Deshalb noch einmal von vorn: Der Abend von Potsdam ist noch immer der Prolog des Spiels „Fritz!“, da spricht im abnehmenden Pulverdampf in ein Mikro der dreißiger Jahre der Geist, mal Diva, mal Hitler, über die historischen Urteile „von mittelmäßigen Hosenscheißern und linientreuen Historikern“ das kabarettistische Todesurteil. Das ist tollkühn.

„Fritz!“, so heißt das Spiel, das Uwe Wilhelm für das Hans-Otto-Theater zu Potsdam erdacht hat aus Anlass des 300. Geburtstags des Preußenkönigs. Wilhelm, ein Drehbuchkönig („Bandits“, „Das Mädchen Rosemarie“) tut mit dem Titel, vom Ausrufezeichen unterstrichen, so, als ginge es darum, einen ungezogenen Jungen anzuherrschen. Steil steigt auch die Inszenierung Tobias Wellemeyers ein in Potsdam, wo das Militär ja lange Standortfaktor war.

Potsdam, immer wieder Ort der ästhetischen Inszenierung des Politischen, war wahrhaftig auch ein Ort des politischen Scheiterns symbolischer Anstrengungen, so 1950, eine Aufführung zu DDR-Zeiten. In einem Sarg mit dem Trümmerschutt der jüngsten Vergangenheit sollte der „Geist von Potsdam“ symbolisch in der Havel versenkt werden. Doch der Sarg spielte in der ideologischen Inszenierung nicht mit. Weil aus ihm der Boden brach, sanken die Trümmer herab, während eine leere Sarghülle auf den Havelwellen hüpfte.

Jetzt werden Potsdams Bühnenbretter, die für Zweieinviertelstunden Preußens Abgründe bedeuten, zum lustigen Sargdeckel. Auch wenn der Preußenkönig bereits im August des Jahres 1786 starb, will der Theaterkönig des Stücks im November des Jahres, am 24. Januar des darauffolgenden Jahres seinen 75. Geburtstag, in Szene setzen.

Nun aber ist die Gesellschaft bei Hofe eine, die dem Herrscher nach dem Leben trachtet. Um die Fiktion von der Beseitigung des Monarchen plausibel erscheinen zu lassen, versammelt Wilhelms Stück historisches Personal. Den Soldatenkönig, Vater und Vorgänger Friedrichs. Den Neffen und Thronfolger, Friedrich Wilhelm. Friedrich, „der Große“ – wahrhaftig eine Sandwichexistenz?

Ein Meuchelmordplan, Komplott der Mätressen des Erben, den der Hofschreiber de Catt, der historische Henri de Catt ausführen soll, durchkreuzt den Operntraum des Monarchen. Es scheitert de Catts Verzweiflungstat – ein Stück auf den König in höchsten Tönen, nein, keine Oper, zunächst, aber gewiss eine Auftragsarbeit! Es scheitert eine Gegenauftragsarbeit, die Oper auf den Nachfolger. Oper gegen Schauspiel – es souffliert der Text: ein Scharmützel.

Wilhelms Stück, sprachlich konventionell, versammelt Anspielung auf Anspielung. Welle-meyers Uraufführungsinszenierung ballt Fingerzeig auf Fingerzeig. Schief steht das Lotterbett auf der Bühne, von Filmsetscheinwerfern obszön ausgeleuchtet, vom Hofkomponisten Reichardt umschwänzelt, von den Mätressen genutzt. Wie sie die Ulrike auf dem diagonal auf der Bühne (Alexander Wolf) stehenden Bett in ihre Mitte nehmen, sieht man einer schiefen Schlachtordnung unter Frauen zu.

Wilhelms Drama ist in Welle-meyers Inszenierung Rokokonummernrevue und Nazivarieté. Friedrichs Neffe und Thronfolger Friedrich Wilhelm (Eddi Irle) ist eine SS-Knallcharge, die ihren Blondschopf vor Furcht in die Kissen drückt und seine Schlappschwanznatur mit einem (Wiener?) Würstchen kompensiert. Der Vater und Soldatenkönig (Roland Kuchenbuch) spreizt sich im roten Adlerkostüm und lackledernden Fetischoutfit (Kostüme: Ines Burisch), die Mätressen sind besetzt als gertenschlanke Gespielinnen, unter der Klamottenknute der Regie exerzieren die Darsteller, so dass, keine Zeit fürs Timing, selbst die Slapsticknummer leidet.

Allein Raphael Rubino als Schreiber gibt seinen de Catt mit der Diskretion des Schelms und mit der Schwatzhaftigkeit des Spaßvogels. Heinz Erhardt als drolliger Verzweiflungstäter, als Linkshänder und tragikomischer Tollpatsch. Der linkische Schriftsteller als Unglücksrabe – nein, Trost ist etwas anders.

In einem der letzten Bilder wird die arme Ulrike, de Catts Frau, zum Mordopfer des Komplotts. Das Bild wird zum Spiegelbild der historischen Katte-Tragödie, des Opfers Hans Hermann Katte, den, wie bekannt, Friedrichs Vater wegen des gemeinsamen Fluchtversuchs vor den Augen des Kronprinzen enthaupten ließ. In der Forciertheit der Farce wird auch die Katte-Tragödie als wahnwitzige Wiedergutmachungsaktion des Sohns an dem Vater, nun ja, auf den Kopf gestellt. Da hat dann der Monarch in Wilhelms Theater auf dem Theater Gefallen an einer von Filmsequenzen aufgepeppten Groteske gefunden. Seht, recken Autor und Regisseur ihren Zeigefinger als Stinkefinger: der Monarch als Regietyrann der deutschen Geschichte.

Theatergeschichte hat Friedrich seit fast 200 Jahren geschrieben. Zur Zeit der Hohenzollern brauchte es die königliche, später die kaiserliche Genehmigung, die Friedrichfigur spielen zu dürfen. Zur jüngeren Theaterkarriere Friedrichs gehört seine radikale Emanzipation. So ließ 1982 Alexander Lang, wie soeben erst das Fernsehen, den Friedrich am Deutschen Theater in Berlin von einer Frau verkörpern.

In Potsdam trägt Rita Feldmeier den Verwandlungseffekt auf ihren Schultern, mal Diva, mal Hitler, doch in der Betriebsamkeit auf der Bühne die Zerrissenheit ihrer Figur oft nur behauptend. Angedeutete Ambivalenz in einer Welt ständig angekurbelter Theatralik. Am Ende ist sicher, dass das Grelle zur echten Demontage berstender Widersprüche führt. Friedrich, ein Grufti von der zynischen Gestalt, ein Zombie, der Zehntausende verrecken ließ, hat die Friedrich-Legende ausgesaugt bis aufs Blut. Die Farce aber auch.

Fritz! 21., 22., 24., 27. 1. im Hans-Otto-Theater, Potsdam, T.: (0331) 98 11-8

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