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Die Angst geht um unter Pinneberg (M.) und seinen Kollegen.

Staatstheater Mainz

Zwischen Tischplatten zermahlen

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In Mainz inszeniert Alexander Nerlich „Kleiner Mann – Was nun?“ auch als Körpertheater.

Nicht nur die Debatte um Hartz-IV-Sanktionen und Niedriglohnsektor, nicht nur die sich immer weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich lässt Hans Falladas 1932 erschienenen Roman „Kleiner Mann – was nun?“ über den unaufhaltsamen Abstieg eines Angestellten als durchaus aktuellen, politischen Bühnenstoff erscheinen. Im Kleinen Haus des Mainzer Staatstheaters hat Regisseur Alexander Nerlich den Stoff einerseits nicht aus seinem Zeitbezug gelöst; andererseits ist dies keine naturalistische, auch keine auf psychologische Plausibilität achtende Inszenierung. Gymnastische und pantomimische Aktionen, Schattenboxen und anderes (Choreografie: Jasmin Hauck, Cecilia Wretemark) tragen stark dazu bei, das Geschehen symbolisch aufzuladen. Der verzweifelte, erregte Johannes Pinneberg geht zwar nicht die Wand hoch, aber immerhin erklettert er eine Stange, von der ihn Lämmchen runterholen muss. Und die Angestellten bei Kleinholz werden zwischen zwei Schreibtischplatten quasi zermahlen.

Die Bühne Zana Bosnjaks funktioniert ähnlich: ein Waschbecken, Frauenarzt-Stuhl, eine Warenhauskasse, ein Grammophon stehen für konkrete Schauplätze. Die abstrakte Kunst dieser Zeit aber diente als Anregung für auf alle Wände projizierte Hintergründe: riesenhafte Tapetenmuster gleichsam. Einmal reißen über den Akteuren auch zwei Zylinder tragende Hyänen (nach der Fotomontage „Krieg und Leichen – die letzte Hoffnung der Reichen“ von John Heartfield) ihr Maul bedrohlich auf.

Die Szenen sind kurz, der Abend ist lang (dreieinviertel Stunden), aber nicht langatmig. Es hilft, dass er wie aus einem Guss wirkt, seine Mittel nicht zwischendrin ändert, dass alle Figuren mit kräftigem, klarem Strich gezeichnet, dass sie auch durch ihre den Stil der Zeit zitierenden Kostüme (Bosnjak) flott einzuordnen sind. Das wohl auch, weil Vincent Doddema, Henner Momann, Hannah von Peinen, Paulina Alpen und Daniel Friedl jeweils in mehr als drei verschiedenen Rollen zu sehen sind. Sie müssen keineswegs nur einen neuen Gesichtsausdruck aufsetzen.

Mark Ortel ist ein nervös-dünner, linkischer Pinneberg. Ein Windhauch kann diesen Kleinen Mann umpusten, geschweige denn jemand, der ihm Böses will. Er tappt in jede Falle, die man ihm stellt, man könnte ihn auch naiv nennen. Neben ihm ist Kruna Savic als Lämmchen fast schon ein Fels in der Brandung. Sie beruhigt, wärmt, tröstet ihren Johannes ebenso wie Baby Murkel, sie rennt durch die Stadt, um eine Wohnung zu finden, trifft Entscheidungen, bringt zuletzt das bisschen Geld nach Hause, von dem sie leben müssen – gerade noch so leben können, während um sie herum die Welt bald in den Krieg stürzen wird.

Man kann das Mainzer „Kleiner Mann – was nun?“ auch beherzt nennen, ohne dass Nerlich zu sehr auf Effekte setzen würde. Aber wenn Kleinholz’ drei Angestellte sich mit Getreide- oder Düngemittelsäcken plagen müssen, gibt es die einerseits nur in der Imagination des Zuschauers, staubt und lärmt es andererseits eindrucksvoll, bis die drei restlos erschöpft sind.

Teils ist der Körpereinsatz krass und verfremdet – Paulina Alpen macht als verschrobene Vermieterin die Brücke, alle Achtung –, teils nur leicht überzogen. Interessanterweise rückt dies die Figuren ab, die Inszenierung ist nicht auf Rührung angelegt.

Staatstheater Mainz: 16., 19., 23., 25. Januar, 2. Februar, 10., 19., 23., 25. März. www.staatstheater-mainz.com

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