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Drei Blaue im Gefüge aus Tanz und Geometrie.

Tanzmainz

Zwei Tänzer in einer Jacke

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Victor Quijadas spielerische Choreografie „Twist“ am Staatstheater Mainz.

Bewegungen der diversen Spielarten des Hip-Hop bereichern zeitgenössische Bühnentanzstücke seit langem schon. Mit „Klassik meets Breakdance“ werben einige erfolgreich durch recht große Hallen tourende Shows. Der Stilmix wird darin manchmal rabiat und ohne Sinn und Verstand vollzogen, doch die Körpersprache des Hip-Hop ist für den Tanz allemal eine Bereicherung, der, wie andere Künste auch, die Anregungen von Menschen braucht, die Neues probieren und sich selbst dabei grenzenlos herausfordern.

Der in Los Angeles geborene Victor Quijada hat das Zusammentreffen von Breakdance und zeitgenössischem Bühnentanz gleichsam am eigenen Leib vollzogen: Er startete als B-Boy, lernte dann bei Rudy Perez Modern Dance, tanzte in New York bei Twyla Tharp, ging 1999 nach Montréal zu den Grands Ballets Canadiens. Er begann zu choreografieren, gründete seine eigene Company namens Rubberbandance (Gummibandtanz), entwickelte auch eine gleichnamige Technik (vielleicht ähnlich Ohad Naharin, der seine Trainigsmethode „Gaga“ nennt). Deren Ergebnisse führen nicht unbedingt zu Gummi-Gliedern, sind allemal ein Bewegungssprachen-Mix – und lassen sich nun erstmals in Mainz sehen, wo Tanzdirektor Honne Dohrmann Quijada eingeladen hat, mit dem Ensemble des Staatstheaters ein Stück fürs Große Haus zu erarbeiten. Das 60-minütige „Twist“ hatte dort jetzt Uraufführung. Es zeigte, einerseits, eine bezaubernde Feingliedrigkeit, auch Detailreichtum. Andererseits floss seine Energie etwas gleichförmig dahin.

Der twist, die Verwindung, ist auch gleich auf der Bühne Liam Bunsters präsent: als von oben hängende Plastikplane, in der Mitte zusammengedreht. Später wird ein Tänzer die untere metallene Querstrebe lösen, wird sich die Plane also aufdrehen. Noch später wird sie wieder verzwirbelt, aber schief. Ein Teil der Plane wird herunterfallen. Ein einfaches, aber hintersinniges Spiel. Zu dem zahlreiche Bänke kommen, mit ihnen wird dies und das von den Tänzern gebaut und gestaltet. Das Hantieren erfolgt mit schöner Beiläufigkeit.

Überhaupt plustert sich in der Choreografie Victor Quijadas nichts auf – freilich dürfte das ein oder andere kleine Auftrumpfen zwischendurch sein. Sie ist auf eine unaufgeregte Weise spielerisch. Sie erneuert sich kontinuierlich, vor allem die Konstellationen verändern sich stetig, Tänzer und Tänzerinnen bilden ein Trio, sind plötzlich zu viert, gehen in einer noch größeren Gruppe auf, während hinten möglicherweise schon wieder ein Duo oder Trio sichtbar wird. Kein Bild bleibt lange bestehen.

„Twist“, das wird bald offensichtlich, ist sorgfältig komponiert. Das Ensemble trägt zunächst nur Hellgrau (Kostüme: Cloé Alain-Gendreau), dann tauchen mal drei Tänzer in blauen Blusen-Jacken auf, die Primärfarben Rot und Gelb kommen hinzu, verschwinden auch wieder usw. Immer wieder setzt der Choreograf die feste Kleidung als Zieh- und Hebe-Stoff ein. Oder zwei Tänzer finden in einer Jacke zusammen. Oder tauschen die Farben. Eigentlich ist es dieses Farbenspiel, das Rudimente einer Geschichte erkennen lässt: da gibt es die Außenseiterin, dann wird sie integriert; da entsteht schon durch die gleiche gelb-rosa Wendejacke ein Paar.

Es ist dennoch ein abstrakter Tanz, der Elemente des Breakdance auch mit klassischen Bewegungen zusammenbringt, die Übergänge sind harmonisch, abgerundet. Und wenn mal eine Darstellerin einsam zuckt und zappelt, wird sie bald integriert in den Fluss der Schritte und Gesten.

Es würde, um den Abend nicht als doch etwas monochrom zu empfinden, vielleicht schon genügen, wenn der Sounddesign des DJs Jasper Gahunia nicht so enervierend und dauerhaft dahinplätschern würde, einerseits mit den immergleichen unspektakulären Klaviertönen (nachgeahmtem Klavier vermutlich), andererseits mit einer Art Ambient. Diese Musik hat keine eigene Persönlichkeit und wechselt nicht das Tempo, auch wenn ein Rhythmus klopft. Sie ist für den Tanz jedenfalls keine Hilfe und auch kein spannender Widerpart.

Victor Quijada ist nicht der einzige Choreograf, der seiner Arbeit völlig unnötigerweise einen matten Musikteppich unterlegt. Man kann nicht sagen; dass dieser „Twist“ beschädigt, aber eine andere Musik könnte den Abend abwechslungsreicher, also auch spannender machen. Wie aber das 20-köpfige Mainzer Ensemble die neuen Bewegungs-Herausforderungen annimmt, besticht allemal. Die Beleuchtung lässt ihre Körper extrem plastisch erscheinen und sie als Arbeiter im großen Steinbruch der Tanzstile.

Staatstheater Mainz:11., 15. Februar, 6., 9., 16., 22., 24. März, 28. April. www.staatstheater-mainz.com

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