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Es ist sehr heiß, es gibt sehr wenig, was man tun kann: Ulrike Arnold und Sólveig Arnarsdóttir als Anna und Carrie.
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Es ist sehr heiß, es gibt sehr wenig, was man tun kann: Ulrike Arnold und Sólveig Arnarsdóttir als Anna und Carrie.

„Puppenstube“ in Wiesbaden

Zwei Schwestern

Lillian Hellmans schillerndes Südstaaten- und Familienstück „Puppenstube“ am Staatstheater Wiesbaden.

Keineswegs Lichtjahre von Tennessee Williams entfernt, schrieb die amerikanische Dramatikerin Lillian Hellman (1905-1984) über die Südstaaten-Gesellschaft ebenso wie über sich und ihre Familie und über Dinge, über die in ihrer Zeit nicht zu schreiben und zu sprechen war. Heute im Süden der USA anscheinend auch nicht. Gleich im ersten Stück („Kinderstunde“) ging es um die Möglichkeit einer lesbischen Beziehung, wenn auch nur als Gerücht, gestreut von einer gemeinen Schülerin. Sie ruiniert damit das Leben zweier Lehrerinnen und schockierte die Amerikaner 1934 nicht zuletzt damit, dass eine Schülerin überhaupt wusste, was eine lesbische Beziehung war.

In Deutschland kam Hellman – als politisch linksgerichtete Autorin zuletzt am ehesten noch in der DDR gespielt – durch „Die kleinen Füchse“ an der Berliner Schaubühne und mit Nina Hoss wieder etwas ins Gespräch. Thomas Ostermeiers Inszenierung war vor einem Jahr bei den Maifestspielen in Wiesbaden zu sehen, jetzt wurde am Staatstheater die deutsche Erstaufführung von „Toys in the Attic“ gezeigt: „Puppenstube“ von 1959, übersetzt ebenfalls von dem 2014 verstorbenen Bernd Samland.

Ein unheimlich interessantes Stück, in dem sich Autobiographisches und Gesellschaftliches treffen. Zusammenhänge zu Anton Tschechow und seinen „Drei Schwestern“ ergeben sich nicht nur dadurch, dass es hier immerhin um zwei Schwestern geht. Vielmehr gibt es auch bei Hellman die Sehnsucht gepaart mit Passivität, den Schwebezustand zwischen Nicht-Können und erst recht Nicht-Wollen. Dazu blitzen trockener Humor und reine Vernunft auf, verkörpert durch Mrs. Price, die steinreich und abgebrüht in selbstgewählter Einsamkeit lebt und eine glückliche Liebesbeziehung zu ihrem schwarzen Chauffeur hat. Evelyn M. Faber mit ihrem ökonomischen Lachen und Lassana Justin Yao sind die einzigen Klardenkenden zwischen Träumern, Hysterikerinnen, Egoisten und Rassistinnen.

Unwahrscheinliche Zahl an Schaukelstühlen

Im Mittelpunkt stehen die Schwestern Carrie und Anna Berniers, Sólveig Arnarsdóttir und Ulrike Arnold als kurios zwillingshaftes Paar. Was erst wie ein Tick wirkt, ist das Verscheuchen von Mücken, ein guter Regieeinfall, der erst am Ende zu Tode strapaziert wird. Wie Tennessee Williams’ DuBois’ haben die Schwestern bessere Zeiten gesehen und führen nun ein bescheidenes Leben in New Orleans als alternde Unverheiratete. Von der Nach-Europa-nach-Europa-Reise reden sie mehr, als dass sie an den uralten Plan noch glauben würden. Ihre Wünsche haben sie ohnedies seit jeher zurückgestellt, um den viel zu geliebten jüngeren Bruder zu unterstützen: Einen gutmütigen Tunichtgut namens Julian, dem Michael Birnbaum die erforderlichen Sympathiewerte mitgibt.

Unangekündigt kehrt er nun zurück, mit seiner labil kindlichen jungen Frau, Mrs. Prices’ Tochter Lily, Barbara Dussler, und einer unter dubiosen Umständen erworbenen großen Geldsumme. Alle Träume sollen jetzt stante pede in Erfüllung gehen, die Tickets nach Europa sind schon gebucht, aber es ist natürlich genau diese Verschiebung der Verhältnisse, die die Konstruktion unter den Geschwistern und Eheleuten ins Wanken bringt: Es gibt keine Ausrede mehr fürs Jammern und Klagen, und der ewig abhängige Bruder ist auf einmal obenauf. Vordergründig wird die Mär durchexerziert, dass Geld nicht glücklich macht. Hintergründig zeigt sich ein stressiges, spannendes Beziehungsgeflecht.

Regisseur Tilo Nest tut Hellman den Gefallen, sich nicht mit einem gut gebauten Konversationsstück begnügt zu haben, sondern der schillernden Ebene Raum zu geben: Stefan Heynes Bühnenbild ist ein düsterer Saal mit einer unwahrscheinlichen Zahl Schaukelstühle. Fantastisch versponnen die Szene vor und nach der Pause: Julian schenkt Mrs. Price einen Kreisel. Während dieser surrt, hebt sich in einem Augenblick der Magie die Holzvertäfelung und gibt kurz einen Schlitz auf ein sonniges Außen frei, das sonst nur von unten durchsickert. Beunruhigend nachher, wenn auch folgenlos: die stummen schwarzen Zuhörer.

Eine ganz knappe Übertreibung sind die Kostüme (Anne Buffetrille) und Frisuren. Sie unterstützen den starken Eindruck eines unzuverlässigen Realismus.

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